[autonomia dachau]

80 Jahre Dachauer Aufstand

„Nun muss deine blöde arische Mörderbande merken, dass sie die Gejagten sind.“ Am frühen Morgen des 28. April 1945 gegen 8:00 Uhr stürmen aufständische Antifaschist*innen das Dachauer Rathaus und halten die Altstadt besetzt. Eine sinnlose Verteidigung der Stadt mit weiteren Toten und eine Liqudierung des Konzentrationslagers soll so verhindert werden. Die US-Armee befindet sich bereits in unmittelbarer Nähe, es scheint eine Frage der Zeit bis sie Dachau erreichen. Die Aufständischen setzen sich aus Dachauer Arbeiter*innen und einige Tage zuvor befreiten Inhaftierten des Konzentrationslagers zusammen.

„Beim Beladen des Moorexpresses schielen wir uns gegenseitig an. Alles alte Genossen mit Erfahrung. Die langen Jahre Zuchthaus und KZ hatten uns nicht kaputt gemacht. Wie oft hatten wir dem Tod ins Auge gesehen? Alte Spanienkämpfer der Internationalen Brigaden sind mit von der Partie. Verdammt, das muss hinhauen. Wenn wir doch endlich schon Waffen hätten! Aber erst müssen wir hier raus.“

Erster Treffpunkt ist die nahe gelegene Wohnung eines Antifaschisten. „Einzeln schleicht und robbt einer nach dem anderen zur Wohnung. Als der letzte eintrifft atmen wir erleichtert auf.“ In den frühen Morgenstunden des Folgetages werden sie von Dachauer Antifaschistinnen in eine Scheune nach Mitterndorf gebracht. Dabei begegnen sie dem Todesmarsch. „Wir können nicht zurück, das würde auffallen. Da haken sich die Dachauer Frauen bei uns unter und wir schleichen – getarnt als Liebespärchen – mitten durch den endlosen Zug. Das ging gut. Anschließend sichern uns die Frauen vorn und hinten ab.“

Mit der Radiobesetzung der Freiheitsaktion Bayern beschließen die Ausgebrochenen unter der Führung von der Georg Scherer den geplanten Aufstand schon jetzt zu beginnen.

Über konspirativ gehaltene Kontakte aus KPD, Arbeiter-Turn und Sportverein Dachau und Rote Hilfe waren längst einige Waffen besorgt worden. Auf dem Weg in die Altstadt werden einige Wehrmachtsoldaten entwaffnet. Eine zweite Linie um Aktive der SPD und des Reichsbanners entwaffnen den in der Turnhalle der Brunngartenstraße zusammengerufenen Volksturm und schicken die Zwangsrekrutierten nach Hause. Ein Teil des Volkssturms marschiert mit den Aufständischen über den Karlsberg zum Rathaus. „Inzwischen waren Dachauer Antifaschisten ins Rathaus eingedrungen und ließen sich von der Polizei die im Keller des Rathauses lagernden Waffen aushändigen.“ Doch ein hochrangiger NS-Funktionär schlägt vor dem Rathaus Alarm, versucht ins Gebäude zu gelangen. „Dem Schwein reicht die ganze Barbarei noch nicht. Nun zum Schluss sollen auch noch Kinder für diese Mordbanditen das Leben lassen. Eine Arbeiterfaust knallt in seine dreckige Nazifresse, er schnappt nach Luft und versucht seine Pistole zu ziehen.“ Daraufhin wird er erschossen und die Lage eskaliert rasch. Die SS im Konzentrationslager ist bereits alarmiert. Es ist erst 9:30 Uhr.

Die Aufständischen sind von der Anzahl und Bewaffnung klar unterlegen. Arbeiter*innen der Papierfabrik gelingt es die SS-Einheiten am Papierfabrikberg für kurze Zeit aufzuhalten. Von der anderen Seite über den Karlsberg kommend, kann die SS kurzzeitig zurück geschlagen werden. „Vom Karlsberg kommen sie herauf. Ein Trupp SS. Wir stürzen schießend den Karlsberg hinunter. Jagen sie über die Amperbrücke. Das wäre fürs erste geschafft.“ Doch auch vom Schlossberg herunter greift die SS an und besetzt den Rathausplatz. Die Aufständischen sind gezwungen sich zurück zu ziehen. Sechs Aufständische werden an Ort und Stelle erschossen, etwa 40 im Amtsgefängnis inhaftiert. An die 100 können entkommen, werden versteckt. Die NS-Funktionäre sind derweil mit der eigenen überstürzten Flucht beschäftigt. Die Inhaftierten im Amtsgefängnis werden am selben Abend frei gelassen. Am nächsten Morgen wird Dachau von der US-Armee befreit.

„Auf jeden Fall war die SS verunsichert und unser Aufstand hatte einen Sinn gehabt. Gut, es waren Schwächen in der Planung, aber das ist ja wohl aus der damaligen Dachauer Situation heraus verständlich. Das KZ, die 38.000 unten im Lager, wurden nicht mehr von der SS liquidiert. Sie wagten es nicht mehr.“

„Dachauer, kleine Leute – Arbeiter, sie machten kein großes Aufhebens von ihrem Mut. Für sie war es selbstverständlich. Anders die Dachauer guten Familien, die Bürger, Kleinbürger, Geschäftsleute und Geschäftemacherer. […] Für sie ist es egal unter welchem Regime oder an wen man verkauft, die Hauptsache, das Geschäft stimmt.“

Wir gedenken dem Aufstand und erinnern an die Toten

Erich Hubmann | Bäcker aus Graz – geflohen aus dem KZ Dachau

Anton Hackl | Fabrikarbeiter aus Graz – geflohen aus dem KZ Dachau

Friedrich Dürr | Maschinenschlosser aus Mannheim – geflohen aus dem KZ Dachau

Hans Pflügler | Former aus Dachau

Lorenz Scherer | Schreiner, Bauer aus Schwabhausen

Anton Hechtl | Bauer aus Schönberg

als Unbeteiligter erschossen: Anton Decker | Zimmerer aus Dachau

Dachau bleibt antifaschistisch

[Zitate von den Aufständischen Richard Titze, J., Georg Scherer nach Louis Köckert „Dachau und das Gras wächst“]