Friss oder stirb: Eine schwarz-rote Vorweihnachtsgeschichte

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – heißt es bei Brecht. Nur leben wir im Kapitalismus und da heißt es: Erst kommt das Eigentum. Erfahren haben das zwei Olchingerinnen, die die Polizei 2018 beim Containern erwischte und die den so genannten Rechtsweg bis zu einer Verfassungsbeschwerde beschritten. Letztendlich bestätigte die oberste Instanz wenig verwunderlich die herrschenden Eigentumsverhältnisse.
Das heißt, wenn wie in diesem Fall ein Supermarkt Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können oder dürfen, in den Müll wirft, diese aber noch essbar sind, bleiben sie Eigentum des Supermarktes. Dir gehört dein Müll, auch wenn du dein Eigentum weg wirfst. Nehmen sich andere die Freiheit und sehen nach, ob das für sie und andere eventuell noch brauchbar bzw. essbar ist, begehen sie einen Diebstahl. Selbst wenn dem Supermarkt egal ist, was mit seinen weggeworfenen Sachen geschieht.
Na gut, die Mülltonne wurde aufgezwickt, aber wer wird denn kleinlich sein. Die Polizei setzte das geltende Recht dann als erstes mit dem Kabelbinder durch und verhaftete die beiden Olchingerinnen. Das Verfassungsgericht setzte schlussendlich das Recht im August 2020 mit einem Spruch durch. Verwiesen wird an die Politik. Aber auch der bürgerliche Staat steht fest hinter dem bürgerlichen Recht, das es aufrecht zu erhalten gilt. Man darf sich fragen, wie viel Aussicht auf Erfolg sich die beiden mit ihrem Marathon auf dem Rechtsweg erhofften, jedenfalls haben sie enorme Aufmerksamkeit zum Thema erlangt. Nur ist die Problematik weiter ungelöst.
Ob genießbare Lebensmittel weggeworfen, statt gegessen zu werden, andererseits Menschen schauen müssen, wie sie über die Runden kommen, ist absurd. Essen zu müssen macht uns alle gleich. Wie Essen im Kapitalismus produziert, verteilt, angeboten und konsumiert wird, ist wieder ein eigenes Thema (vgl. das Buch Class power on zero hours, Kapitel Food in Capitalism). Wir müssen Essen, um zu leben, aber auch um als Arbeitskraft verfügbar zu bleiben – verfügbar für unsere Chefs, denen der Laden gehört. Hier befinden wir uns wieder beim Eigentum. Die Chefs zahlen einen geringeren Anteil als Lohn, als das was du tatsächlich geleistet hast. Von deinem Lohn kannst du dir dann was zu essen kaufen, damit du leben, aber auch damit du weiter arbeiten kannst. Und natürlich zahlst du noch deine Wohnung, denn die ist in der Regel auch nicht dein Eigentum. Es schließt sich der Kreis, ein Kreis aus Widersprüchen und der Logik der Eigentumsverhältnisse. So einfach kann es sein. Das gibt‘s nur im Kapitalismus: Tonnen von Lebensmitteln weg schmeißen und Menschen, die zu wenig zu essen haben. Containern ist kein Verbrechen lautet eine gängige Parole. Doch, ist es faktisch schon. Aber was man braucht, muss man sich nehmen. Jedenfalls solange wir im Kapitalismus leben.
Hintergründe zum Fall aus Olching unter olchiscontainern1.blogsport.de