Herrschende Klasse erklärt Krise für überstanden – Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie nie
Die Töne der Produktionsmittelbesitzer_innen ( offiziell „Arbeitgeber_innen“ ) und ihrer Lobbyist_innen werden langsam aber sicher wieder selbstbewusster. In allerlei Erklärungen, Artikeln und Studien wird die größte Weltwirtschaftskrise der letzten 200 Jahre für beendet erklärt. Die vor allem auf den Export ausgerichtete bundesdeutsche Ökonomie scheint sich, wenn man den vorgelegten Zahlen Glauben schenken darf, Schritt für Schritt zu erholen. Die Lohnabhängigen in der BRD würden wieder aufatmen können. So auch die Verlautbarungen des Klassenstaats (offiziell Bundesregierung).
Zwar bezeichnet eine Studie der „Internationalen Arbeitsorganisation“ ILO, eine quasi Sachverständigenorganisation für die weltweite Ausbeutung, dass sich gerade für junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren die Situation seit der Krise so wie noch nie verschlechtert hat. Sie zählt für das Jahr 2009 weltweit 81 Millionen Arbeitslose, 13% im Vergleich zu knapp 5% der über 24 Jährigen. Am meisten betroffen sind die Süd- und Osteuropäischen Regionen, der fast die Hälfte der durch die Krise hinzu gekommenen 8 Millionen Arbeitslosen entstammen. Die Arbeitslosenrate der genannten Altersgruppen beträgt in Spanien 38%, Estland 30% und Frankreich 24%. Die ILO warnt angesichts dieser Zahlen vor einer „verlorenen Generation“ die die Krise hinterlassen hat, „junge Menschen die alle Hoffnung auf eine Arbeit mit anständiger Bezahlung verloren haben“.
Die BRD steht mit 11% im internationalen Vergleich niedriger da. Es wird auf die Reduzierung von 4% seit 2005 verwiesen. Allerdings ist in diesen Zahlen nicht die vermehrte prekäre Art der Beschäftigung enthalten. Laut „Statistischem Bundesamt“ hat die Zahl der Mini- und Teilzeitbeschäftigten in diesen Altersgruppen seit dem Jahr 2000 um 40% zugenommen. Befristete Arbeitsverträge sind zur Regel geworden.
Ein weiteres Beispiel ohne Altersbeschränkung zeigt die Diskrepanz solcher Äußerungen: Im Landkreis Dachau, der sich stets durch seine niedrigeren Arbeitslosenzahlen selbst zu bestätigen versucht, fielen 2009 478 Menschen nach dem Verlust ihres Jobs direkt zum ALG II, also Hartz IV. Warum? Weil sie vielleicht nicht lange genug beschäftigt waren, aber vor allem deshalb, weil ALG I, die 60-67% des vorigen Lohnes einfach nicht zum Leben reichen! Von den im Landkreis Dachau entlassenen Leiharbeiter_innen fielen 14% sofort auf Hartz IV. Da hilft alles Geheule der DGB Fürst_innen nach „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ nicht viel weiter.
In Frankreich oder Griechenland hatten die geplanten Sparpakete der Regierungen Straßenrevolten zur Folge. In der BRD wurde, taktisch geschickt, das Sparpaket während der Fußball WM präsentiert. Vereinzelter Protest kam eher von Reformist_innen, die nicht für die Krise zahlen wollen, obwohl sie es bereits tun. Fliegt dann mal ein Kracher (hochdeutsch: Böller) wird dieser zur „Splitterbombe“ hochstilisiert. Vielleicht ist hier die von der ILO befürchtete Zunahme von „Kriminalität“ zu Tage getreten.
Was nicht ausgesprochen wird ist die Angst der Bourgeoise vor der ökonomischen Randale, Sabotage, wilden Streiks. Die Zahlen von ILO und Konsorten, ob authentisch oder untertrieben, verdeutlichen einen Prozess einer Neuzusammensetzung der lohnabhängigen Klasse, also UNS allen. Wenn damit verbunden sich neue antagonistische Kampfformen ergeben und vereinzelte Konflikte sich zu flächendeckenden entwickeln, können wir der klassenlosen Gesellschaft Stück für Stück näher kommen. Die schwindenden Stammbelegschaften mit ihren Aufpasser_innen in den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien können weiter versuchen ihre ebenso schwindenden Privilegien zu halten. Ihre Zeit läuft ab. Ein zukünftiges revolutionäre Subjekt könnte sich u.a. in den marginalisierten, sich ausweitenden Unterschichten herausbilden. Wenn die „verlorene Generation“ nicht weiter gewillt ist zu verlieren.
Gegen Arbeit & Ausbeutung
WIR WOLLEN ALLES
august der vierundzwanzigste zwanzigzehn
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Nachschlag einen Monat später
Gleich zum Anfang über die Authentizität von Zahlen im allgemeinen: In den von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichten Arbeitslosenzahlen fallen immer mehr Menschen aus der statistischen Erfassung. Zum Beispiel Arbeitslose, die älter als 58 sind und seit 12 Monaten Leistungen aus der Grundsicherung bezogen haben. Ebenso Menschen, die an den so genannten, zumeist sinnfreien „Wiedereingliederungsmaßnahmen“ teilnehmen müssen, sowie von privaten Arbeitsvermittlungen Betreute. (Quelle: verdi publik September 2010)
Offizielle Arbeitslosenquote für Dachau im August 2010: 3% (entspricht 2334 Menschen), 795 neu oder erneut arbeitslos Gemeldete. Seit Jahresbeginn 5939 Arbeitslosmeldungen (-553 letztes Jahr). Im Vergleich zu anderen Landkreisen, beispielsweise Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Ebersberg und Starnberg, war in Dachau ein höherer Anstieg zu verzeichnen.
Niedriglohn und Zwangsarbeit…
Bayernweiter Anstieg im August: 4,3% (entspricht 288.300 Menschen), vermehrt junge Menschen und Jugendliche, also Schulabgänger_innen oder am Ende der Ausbildung nicht Übernommene.
Die Münchner Arbeitsagentur spricht indes von einem „aufnahmefähigen und dynamischen Markt“. Gemeint sind damit 10.700 offene Stellen in Branchen mit beschissenen Arbeitsbedingungen wie Gastronomie/Gastgewerbe (rechts- und würdefreie Zone) und Gesundheitswesen (weiße Fabrik-Fließbandarbeit inklusive). Ebenfalls erwähnt werden 1400 unbesetzte Ausbildungsplätze, denen laut Agenturchef Becking, die, wie auch vom „Bundesverband der Arbeitgeber“ oder der DIHK immer wieder behauptete, „fehlende Ausbildungsreife junger Menschen“ zu Grunde läge. Im Klartext: Sind halt alle zu dumm. Als ob Buckeln der Intelligenz förderlich wäre. (Quelle: SZ Dachau und Bayernteil 1.9.10)
Miethaie zu Fischstäbchen
Und passender Weise steigen in der Krise gleich noch die Mieten. Laut einem Wohnungsbarometer des Planungsreferats München sind nirgends in der BRD die Mieten so teuer wie in München. In Zahlen ausgedrückt, macht das 12,11 Euro pro Quadratmeter, 1% mehr als 2009. (Quelle: SZ München 2.9.10) siehe auch http://aaud.myblog.de/aaud/art/6328736/Uber-den-Dachauer-Mietwucher
Arbeiter_in sein bedeutet lebenslänglich
Die Studie eines „Internationalen Instituts für empirische Sozialökonomie INFES“ im Auftrag der DGB nahen Hans Böckler-Stiftung ergab, dass jede_r dritte Beschäftigte körperlich schwere Arbeit leistet. Mit der Folge, dass diese meist früher in Rente gehen müssen, welche dann wesentlich geringer ausfällt. Welch eine Freude, dass das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht wird. (Quelle: verdi publik September 2010)
Altersarmut im Landkreis Dachau
Laut Sozialamt Dachau steigt die Zahl der Hilfeempfänger_innen über 65 Jahre. Die offizielle Zahl ist 263 (Stand August 2010), aber die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Das größte Problem stellen hierbei die in Dachau hohen Mieten dar. Wenn man sich im Alter regelmäßig bei der Tafel was zu beißen holen muss, werden sich einige Rentner_innen überlegen ob sie ihre Zimmerstutzen auf Dauer im Schrank lassen. (Quelle: SZ Dachau 6.9.10)
Es geht immer noch:
**GEGEN ARBEIT & AUSBEUTUNG
WIR WOLLEN LEBEN!**
september der zwanzigste zwanzigzehn
Text zum Thema und über unsere Perspektiven:
Sehr guter Aufruf vom Kollektiv Grauzone, Innsbruck http://grauszone.files.wordpress.com/2010/07/10-07-03_demoaufruf.pdf