[autonomia dachau]

Ist das krank oder wie krank darf es denn sein?

Laut einer Studie der Krankenkasse DAK Anfang November, werden für das Jahr 2023 krankheitsbedingte Ausfälle auf der Arbeit mit im Schnitt 20 Tagen prognostiziert. Im Vergleich lagen diese 2022 bei 15 Tagen – und da war noch offiziell Pandemie. Wieso also sind diese Lümmel mehr krank als zuvor? Das „Institut der deutschen Wirtschaft“ (IW) „mahnt zur Vorsicht“, sieht aber deutliche Probleme (1). Die sehen wir als lohnabhängig Beschäftigte auch und zwar jeden Tag in der Arbeit.

Galt früher vor der Ausweitung des Niedriglohnsektors die Arbeitslosenquote als verlässlicher Indikator, wie es um die Belange unserer Leistungsgesellschaft bestellt ist, sind es heute mitunter so bezeichnete „Fehltage“. Dass Krankheitstage ansteigen ist bei Weitem kein neues Phänomen, konnte aber in den vergangenen drei Jahren aus Sicht von Leuten wie der IW mit der Corona-Pandemie plausibel gemacht werden. Zahlen der BKK legen nahe, dass momentan nicht-Covid induzierte Atemwegserkrankungen ein sehr hohes Niveau aufweisen. Aber auch hierbei muss erwähnt werden, dass es aufgrund der weggefallenen Maßnahmen und damit Pflichten der Erfassung, eine wesentlich höhere Dunkelziffer an Covid Erkrankten gibt. Auch Doppelinfektionen sind nicht ungewöhnlich, wenn durch die eine Infektion und der dadurch geschwächten Immunität, eine zweite dazu kommt. Natürlich ist den Kapitalverbänden der Einbruch der Wirtschaftsleistung (2) in der Pandemie vor Augen, auch Lieferkettenengpässe (3) und da kommen Ausfälle der Produktivität ganz ungelegen. Man könnte sich auch mal ansehen, welche Berufsgruppen hier hervorstechen (4). So tief geht die Suche nach Erklärungen allerdings nicht.

Was aber in den Verlautbarungen der Vertreter*innen des Kapitals niemals vorkommt, ist die Art der Arbeit, wie Lohnarbeit sich verändert hat, nicht nur durch beispielsweise Befristungen der Arbeitsverträge und dadurch verbundene ständige Jobwechsel. Sondern körperliche und mentale Belastungen durch beschissene Arbeitsbedingungen. Diese haben in den vergangenen zwanzig neoliberalen Jahren einen Boom erlebt und hier erntet die Kapitalseite ihre eigenen Früchte. Schnell, effizient und billig muss es heute gehen. Arbeiter*innen sind mehr denn je austauschbare Ware. Trotz der Aufsplittung der Produktion in Länder mit billigen, also extrem niedrigen, Löhnen (5), ist auch hier ein Dienstleistungsproletariat entstanden, welches sich nicht nur den hiesigen Lebensstandard nicht mehr leisten kann, sondern auch eine faktische Entrechtung am Arbeitsplatz durch das folgenlose außer Acht lassen von geltenden Rechten erlebt. Alles unter der Oberfläche versteht sich. Aber Elend ist keine Erscheinungsform in so bezeichneten Schwellenländern allein, sondern kann hier beobachtet werden – wenn auch mit klar anderer Schwere.

Da beklagen die Kapitalverbände steigende Kosten auf Energie, Instandhaltung oder Lebensmittelbeschaffung für die Kantine – meinen die es würde uns anders gehen? Strom, Heizung, Lebensmittel werden teurer, während Mieten gleich hoch bleiben (v.a. in Dachau liegt die Betonung auf hoch). Darüber berichtet niemand. Obwohl zu Weihnachten könnte man ein wenig auf die Tränendrüse drücken und ein bisserl öffentliche Charity veranstalten. Die Kapitalverbände fürchten Stagnation oder vielmehr Rezession – auch „Fachkräftemangel“, während in erwähnten Scheißjobs überwiegend Ungelernte beschäftigt sind. Wir sind immer noch mitten in der Krise (6).

Und jetzt werden die auch noch öfter krank, nur weil sie sich nach einer Pandemie, mit verschlechterten und sich weiter verschlechternden Arbeitsbedingungen, hohem Lebenshaltungskosten und größeren Unsicherheiten konfrontiert sehen. Unglaublich.

Dabei wären laut IW die Krankheitsausfälle gar nicht das primäre Problem, denn „im Normalfall würden Fehlzeiten von den übrigen Mitarbeitern kompensiert“. Das trägt sicherlich zu unser aller Genesung bei (7). Gravierender seien da die Entgeltfortzahlungen des Lohns für bis zu sechs Wochen Krankheit. Dem könnte man nun entgegen halten, dass die armen Unternehmen den Lohn auch zahlen müssten, wenn die Erkrankten gesund wären. Man könnte hier ferner eine Haltung interpretieren, die eher ein Problem damit zu haben scheint bei ausgefallener Produktivität einzelner, diesen die vorübergehende garantierte soziale Absicherung zu zahlen. Das finden viele sicher „beängstigend“, materiell betrachtet ist es einfach asozial. Und krank ist es außerdem.

Frohes Fest

(1) „Wie krank Deutschland wirklich ist“ 28.11.23 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/krankheitstage-2023-deutschland-wirtschaft-1.6310782?reduced=true

(2) BIP 1. Quartal 2023 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/05/PD23\_203\_811.html

(3) https://de.statista.com/themen/8691/lieferengpaesse/#editorsPicks

(4) „Der Krankenstand in den Berufsgruppen, die regelmäßig Personalmangel erleben, liegt deutlich über dem bundesweiten Wert von 5,5 Prozent. […] In der Krankenpflege, der Altenpflege oder in der Kinderbetreuung und Erziehung Tätigen sind insbesondere die Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen erhöht. In Berufen der Sanitär, Heizung-, Klimatechnik, in der Fahrzeug-Führung und in den Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen treten überdurchschnittlich viele Fehlzeiten aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen auf.“

https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/gesundheitsreport-2023\_34592

(5) http://fau-m.de/de/aktuell/280-globale-aktionswoche-20-26-11-2023-%E2%80%93-solidarit%C3%A4t-mit-den-%C2%BBgarment-workers%C2%AB-in-bangladesch

(6) Und die Linke beschäftigt sich mit sich selbst oder recycelt alte Weisheiten

(7) „Zusätzlich dazu kommt es bei Beschäftigten, die regelmäßig Personalmangel erleben, deutlich häufiger vor, dass sie auch dann arbeiten, wenn sie krank sind.“

https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/gesundheitsreport-2023\_34592