Jugendopposition im Nationalsozialismus
Im Nachgang des letzten infocafes am 07.10.25 zu “Jugendwiderstand in NS-Deutschland” hat der Referent die Inhalte des Vortrags als Text zur Verfügung gestellt. Dies soll die Erinnerung an diesen in weiten Teilen vergessenen Widerstand wach halten und außerdem zeigen, dass Widerstand nicht nur notwendig, sondern vor allem möglich ist.
Als im Januar 1933 in Berlin die Macht an eine völkisch-rechtsextreme Koalition unter Führung der NSDAP übertragen wurde, begannen die Nazis ihre autoritär-diktatorischen Konzepte und rassistischen Vorhaben Schritt für Schritt umzusetzen. Die wichtigsten Ziele des NS-Regimes waren die Errichtung eines Führerstaates und einer Volksgemeinschaft, die (kriegerische) Neuordnung Europas unter Führung NS-Deutschlands, die Eroberung großer Gebiete in Osteuropa, ein Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sowie die Auslöschung des europäischen Judentums.
Um diese Ziele sowohl im Innern wie nach Außen verfolgen zu können, musste die NS-Gesellschaft gleichgeschaltet, Bündnisse mit anderen faschistischen Staaten (z.B. Italien) geschlossen und ein gigantisches Aufrüstungsprogramm aufgelegt werden. Dabei ging das NS-Regime schrittweise vor, da diese Ziele nicht von heute auf morgen zu realisieren waren. Zuerst musste die politische Opposition ausgeschaltet werden. In den ersten Jahren wurden alle linken Parteien und Organisationen sowie die Gewerkschaften zerschlagen. Dadurch konnte ab Mitte der 1930er-Jahre die Aufrüstung anlaufen sowie die Verfolgung von Minderheiten beginnen. Die völkisch-rassistischen Maßnahmen richteten sich insbesondere gegen den jüdischen Bevölkerungsteil.
Gleichschaltung der Jugend im Nationalsozialismus (NS)
Während klassenbewusste Arbeiter:innen und illegale linke Gruppen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, verdeckt Widerstand leisteten, begannen die Nazis damit, die Gesellschaft gleichzuschalten und besonders Kinder und Jugendliche zu indoktrinieren. Im Rahmen der Schaffung einer deutschen Volksgemeinschaft versuchten NS-Strategen die Jugend in NS-Deutschland in ein enges Korsett aus Disziplin, Gehorsam, Autoritätsgläubigkeit und Unterordnung zu pressen.
Deswegen wurden nach und nach alle anderen Jugendverbände verboten oder mit den beiden offiziellen NS-Jugendverbänden zwangsvereinigt. Diese waren für Jungs zwischen 14 und 18 Jahren die Hitlerjugend (HJ) und für Mädchen der Bund Deutscher Mädel (BDM). Mit Kreierung einer einzigen Staatsjugend beabsichtigten die Nazis, die totale Kontrolle und Lenkung der Jugend zu gewährleisten. Dadurch sollte eine Generation von überzeugten und kriegsbereiten Volksgenoss:innen heranwachsen. Zu diesem Zweck wurde der HJ-Streifendienst gebildet, bei dem HJ-Gruppen Kontrollgänge in ihren Stadtvierteln durchführten, um abweichendes Verhalten oder andere »Verfehlungen« aufzuspüren. Die HJ konnte aber im Laufe der Zeit nur knapp die Hälfte aller männlichen Jugendlichen organisieren. Viele verweigerten sich der Gleichschaltung und fanden sich zu eigenen, unbotmäßigen Jugendgruppen zusammen. In der Geschichtsschreibung werden die unangepassten Jugendlichen als »wilde Jugend« oder »wilde Jugendgruppen« bezeichnet. Diese Gruppen gerieten häufig mit der HJ aneinander. Schon bald setzten sie dem staatlichen Jugendverband offensiv Widerstand entgegen – nicht nur in den Metropolen, sondern auch in Mittel- und Kleinstädten. Die aufmüpfigen Jugendlichen stammten aus proletarischen Milieus und stellten ihre nonkonforme Einstellung offen zur Schau. In den wilden Jugendgruppen schlossen sich all jene zusammen, die dem völkisch-rassistischen Weltbild der Nazis nicht entsprachen: Proletarische und klassenbewusste Heranwachsende, Jugendliche mit migrantischem Hintergrund sowie viele junge Menschen mit körperlicher oder sprachlicher Behinderung. Im Gegensatz zu HJ/BDM waren in den wilden Jugendgruppen ausdrücklich Jungen und Mädchen gemeinsam unterwegs. In den ersten Jahren der NS-Herrschaft gab es noch einige Verbindungen zu kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen Jugendlichen, diese rissen jedoch ab oder wurden durch Verhaftungswellen unterbrochen.
Autonome, subkulturelle Jugendgruppen

Ein Schwerpunkt der oppositionellen Jugendlichen lag in Rheinland-Westfalen, wo so gut wie in allen Orten und Städten wilde Jugendgruppen existierten. Sie gaben sich Namen wie Navajos und Edelweißpiraten (beide in Köln) oder Kittelbachpiraten (Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Wuppertal usw.). Aber auch abseits des rheinisch-westälischen Industriegebiets fanden sich in fast jeder größeren deutschen Stadt unangepasste Jugendgruppen zusammen. Sie lehnten die nationalsozialistische Norm ab und schlugen gegenüber den NS-Autoritäten einen Konfrontationskurs ein. In Berlin, Erfurt und Leipzig bezeichneten sie sich als Meuten, in Dresden als Mob oder ebenfalls Meute, in Hamburg als Totenkopfbande, in Halle als Proletengefolgschaften, in Danzig als Stauber, in Stettin als Veilchenblau, in Nürnberg als Freikorps Plärrer, in München als Blasen und in Wien als Schlurfs.
Um sich äußerlich von der verordneten Gleichschaltung abzusetzen, kleideten sich die aufmüpfigen Jugendlichen betont lässig: Kurze Lederhosen beziehungsweise schwarze Röcke, karierte Hemden, weiße Kniestrümpfe – jedoch nie einheitlich. Die Jungen und jungen Erwachsenen trugen die Haare für damalige Verhältnisse provozierend lang. Alle Angehörigen der wilden Jugend pflegten einen expressiven Lebensstil mit auffallend proletarischen und bündischen Elementen. Später übernahmen viele Arbeiterjugendliche, auch wenn sie keinen direkten Bezug zu den wilden Jugendgruppen hatten, das karierte Hemd als Symbol der Unangepasstheit. Ein Merkmal ihrer Identität als oppositionelle Jugendliche waren bestimmte codierte Accessoires. So trugen viele rote Halstücher oder auch Totenkopfringe und Edelweißabzeichen – meist auf Armbändern.

Die wilden Jugendcliquen lebten ein selbstbestimmtes Freizeitleben, zu dem vor allem Wanderfahren an den Wochenenden gehörten. Dabei zogen Mädchen und Jungen beziehungsweise junge Frauen/Männer gemeinsam an einen See, übernachteten im Freien, badeten nackt und sangen ihre Lieder am Lagerfeuer. Als Musikinstrumente wurden Gitarre, Mandoline, Akkordeon oder Mundharmonika mitgeführt. Es kam mehrmals zu Großtreffen unterschiedlicher Jugendgruppen auf überregionaler Ebene, manchmal sogar reichsweit, etwa in Hamburg, im Schwarzwald, am Bodensee oder in Wien. Ein unverzichtbares Mittel des Zusammenhalts waren eigene Lieder. Sie dienten der Abgrenzung und Provokation gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie einer Volksgemeinschaft. Im Musikrepertoire der wilden Jugendgruppen fand sich zum einen Liedgut der Arbeiterbewegung, beispielsweise »Die Internationale«. Zum anderen gab es einen großen Anteil an nicht-deutschen Liedern. Gegen die völkische Deutschtümelei sangen die Jugendlichen mit russischen Kosaken- oder sogenannten »Zigeuner«-Liedern an. Die meisten Songs hatten die Heranwachsenden und jungen Erwachsenen der bündischen Jugend (Wandervogel, Pfadfinder) entliehen. Die Lieder aus der Arbeiterbewegung oder von den Bündischen wurden jedoch meist umgetextet. Alle Lieder der wilden Jugendgruppen waren in NS-Deutschland verboten.
Treffpunkte der Unangepassten waren städtische Plätze, öffentliche Grünanlagen und Parks, Jahrmärkte sowie Bahnhofs- und Kinovorplätze. Dort hingen die Jugendlichen herum, grölten ihre Lieder und provozierten die anständigen deutschen Volksgenoss:innen. Zudem kam es regelmäßig zu Straßenschlachten mit der HJ und deren Streifendienst.
Die Swing-Jugend
Neben den wilden Jugendgruppen aus proletarischen Milieus existierten in einigen Großstädten noch Cliquen der sogenannten Swing-Jugend. Diese Jugendlichen stammten fast geschlossen aus der bürgerlichen Mittel- oder gar Oberklasse und waren meist Gymnasiast:innen. Das Auftauchen der in Norddeutschland (Hamburg, Kiel) entstandenen Swing-Gruppen kann seit Winter 1939/40 als gesichert angesehen werden. Sie hörten verbotene Jazz- und Swingmusik (z.B. Radio London) und verbrachten ihre Freizeit gemeinsam mit Gleichgesinnten. In den von ihnen frequentierten Lokalen lief die indizierte Musik aus Übersee.

An Wochenenden fuhren sie ebenfalls zusammen aufs Land. Die Swing-Jugendlichen waren eher chic gekleidet, trugen die Haare auch länger als damals üblich und verwendeten als Erkennungszeichen einen weißen Schal. Sie entwickelten eine an England orientierte Subkultur, betrieben einen schwunghaften Tauschhandel mit Jazzplatten und wurden wegen »undeutscher Umtriebe« vom NS-Regime verfolgt. Dagegen wehrten sie sich aktiv und lieferten sich Schlägereien mit der HJ. Die bevorzugten Treffpunkte der Swing-Jugendlichen waren Eiscafés und Tanzlokale (Clubs). Ihr Verhältnis zu den wilden proletarischen Jugendcliquen war unterschiedlich. Im Rheinland etwa kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Edelweißpirat:innen und Swing-Jugendlichen. Anders verhielt es sich in Hamburg, da dort etliche Angehörige der Swing-Subkultur aus proletarischen Kreisen stammten. In Frankfurt am Main zeigten die liberalen Swing-Jugendlichen sogar durch das Tragen von Edelweiß-Aufnähern und roten Halstüchern ihre Sympathie für Edelweißpirat:innen. Beiden Gruppen war jedenfalls eine nonkonforme Grundeinstellung gemein.
Repression und Verfolgung
Nach ersten Großrazzien gegen Kittelbachpirat:innen und Navajos in Rheinland-Westfalen, wurden 1936 beim »Sicherheitsdienst der SS« (SD) eine »Zentralstelle West« und ein »Sonderkommando zur Bekämpfung der Bündischen Jugend im Westen« eingerichtet. Mit »bündischen Jugend« bezeichneten die NS-Verfolgungsinstanzen alle wilden Jugendgruppen, obwohl so gut wie alle mit der bündischen Tradition überhaupt nicht verbunden waren. Das Sonderkommando war in den nächsten zwei Jahren bei der Verfolgung unangepasster Jugendcliquen im gesamten westlichen Reichsgebiet unterwegs. Die Ermittlungen erstreckten sich von Rheinland-Westfalen über das Rhein-Main-Gebiet und Baden bis nach München. Die Gestapostellen legten gesonderte Personalkarteien über Angehörige oppositioneller Jugendgruppen an. In Leipzig kam es im Laufe des Jahres 1938 zu ersten Prozessen gegen Angehörige einer Leipziger Meute, die zu langjährigen Zuchthausstrafen für die Angeklagten führten. In der sächsischen Metropole bewegten sich zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 1500 Jugendliche in wilden Cliquen, die verstärkt HJ-Umzüge und -Lokale überfielen.
Trotz der anschwellenden Repression erhielten die Jugendgruppen weiter Zulauf. Ende der 1930er-Jahre wendeten die Polizeidienststellen verschiedene Strafmaßnahmen gegen die aufsässigen jungen Leute an. Dazu zählten das Haare-scheren, die öffentliche Anprangerung durch einen sogenannten »Schandmarsch« durch die Innenstadt, die Schutzhaft sowie die Einweisung in Arbeitslager. Die Konfrontation zwischen den wilden Jugendcliquen und der HJ beziehungsweise Polizei nahm ständig an Schärfe zu. Seit August 1938 erhielt der HJ-Streifendienst eine zusätzliche Funktion, nämlich die, als Nachwuchs der SS zu fungieren. An den Schlägereien mit HJ- und Polizeistreifen beteiligten sich nun oft 100 bis 150 Jugendliche gleichzeitig. Die Großrazzien an den Treffpunkten der Meuten und Edelweißpirat:innen, letztere Bezeichnung hatte sich seit 1937/38 für wilde Jugendgruppen an Rhein und Ruhr durchgesetzt, wurden unter Leitung der Gestapo (Geheimpolizei) immer häufiger. Der enorme Zulauf und das beständig anwachsende oppositionelle Verhalten führten dazu, dass die Zahl jener, die mit der Gestapo in Konflikt gerieten, in einigen Städten mittlerweile in die Tausende ging. Jetzt verschwanden viele Jugendliche und junge Erwachsene für Tage oder Wochen in den Gestapo-Kellern, wo sie verhört und gefoltert wurden. Die Cliquen wiederum zogen vor NSDAP-Büros und Polizeireviere, um dort indizierte Lieder wie »Die Internationale« zu singen. Einige begannen, antifaschistische Parolen an Mauern von Parteigebäuden zu malen oder beteiligten sich an betrieblichen Sabotageaktionen.
Entwicklung im Zweiten Weltkrieg
Mit Kriegsbeginn im September 1939 verschärften die Nazis die Verfolgung der widerspenstigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch einmal. Einige Edelweißpiratinnen wurden in Fürsorgeerziehungsanstalten für Mädchen eingewiesen, um von dort bei Erreichung des 19. Lebensjahrs sofort auf Lebenszeit in ein Konzentrationslager (KZ) überstellt zu werden. Männliche Angehörige der Jugendgruppen erhielten nun vermehrt den Stellungsbefehl zur Wehrmacht. Als ab 1942 alliierte Luftangriffe die meisten Großstädte in NS-Deutschland erreichten, veränderte sich für die oppositionellen Jugendlichen die Ausgangslage erneut. Sie trafen sich jetzt an den Luftschutzbunkern, einige verteilten illegale Soldatenzeitungen an Mitglieder der Flugabwehr, andere halfen beim Abtransport von Toten und Verletzten nach den Bombardements. In den teilweise chaotischen Zuständen, die in den Trümmerwüsten der Städte herrschten, lebten viele Edelweißpirat:innen in einer halblegalen und teils konspirativen Struktur. Einige entzogen sich der Einberufung zur Wehrmacht und tauchten völlig in die Illegalität ab. Inzwischen setzte eine immer stärkere Fluktuation innerhalb der wilden Jugendgruppen ein und der Anteil weiblicher Jugendlicher nahm ständig zu. Es bildeten sich rein weibliche Edelweiß-Gruppen, zum Beispiel um Gertrud Kühlem. Diese trat ab Sommer 1942 mit Flugblattaktionen gegen die Nazis und den Krieg öffentlich in Erscheinung. Die wilden Jugendgruppen wurden schließlich in der zweiten Hälfte des Krieges zu einem Massenphänomen in den Städten. So umfasste die Sonderkartei der Polizei in Köln im Februar 1943 die Namen von 3000 Edelweißpirat:innen, wobei längst nicht alle erfasst waren. In Leipzig oder München sah es nicht viel anders aus.
Widerstand, Sabotage, Aufstand
In den Trümmerfeldern der Großstädte und den Betrieben bildeten ab 1942/43 sabotierende Arbeiter:innen, ausländische Zwangsarbeiter:innen, entflohene Kriegsgefangene, desertierte Wehrmachtsangehörige und oppositionelle Jugendliche faktisch eine innere Front. In Kellern, Bunkern und Ruinen versteckten abgetauchte Jugendliche und junge Erwachsene jüdische Menschen und Deserteure. Bei den Jugendcliquen wurde der Drang immer stärker, durch aktives Handeln dazu beizutragen, dass der Krieg und die NS-Herrschaft beendet wird. So besorgten sich Edelweißpirat:innen – vor allem in Köln – Waffen und führten Sabotageaktionen gegen Eisenbahntransporte der Wehrmacht durch. Die aus der Normalität ausgestiegenen jungen Leute mussten notgedrungen Lebensmittel stehlen, da sie legal an keine Lebensmittelmarken kamen. Die so organisierten Lebensmittel verteilten sie auch an sowjetische Kriegsgefangene und an die von ihnen versteckten Menschen. Gleichzeitig kam es zu Kontakten zwischen Edelweißpirat:innen und geflohenen politischen Gefangenen. Die illegale KPD rief im Ruhrgebiet dazu auf, mit Edelweiß-Gruppen auf antifaschistischer Basis zusammenzuarbeiten. Der Zusammenarbeit hatten bisher unterschiedliche Strategien und Vorgehensweisen entgegen gestanden. Die KPD rief nämlich ihre jugendlichen Anhänger:innen dazu auf, in die HJ und den BDM zu gehen, um diese Verbände zu unterwandern. Die wilden Jugendgruppen bekämpften dagegen schon lange die NS-Staatsjugend militant. Trotzdem verteilten einzelne Edelweißpirat:innen Flugblätter der KPD in Briefkästen, mehr noch aber Flugblätter, die von alliierten Flugzeugen abgeworfen wurden.
Für alle wilden Jugendgruppen in NS-Deutschland galt die Feststellung, dass es sich bei ihnen um informelle, lose und von niemand angeleitete Zusammenschlüsse handelte. Es gab kein einheitliches Handeln und keine gemeinsame politische Ideologie, die die Gruppen miteinander verbunden hätten. Lediglich drei Momente war allen Gruppen gemein: Sie entzogen sich der NS-Staatsjugend, praktizierten eigene Formen jugendlichen Verhaltens und wurden deshalb vom NS-Regime verfolgt. Zum Ende des Krieges überwog schließlich die aktivistische Gegnerschaft zur NS-Herrschaft.
1944 gingen schließlich einige Edelweiß-Gruppen zum bewaffneten Kampf über. So bildete sich in Köln-Ehrenfeld um Hans Steinbrück, der als politischer Gefangener auf der Flucht war, eine Gruppe von bewaffneten, antifaschistischen Widerstandskämpfer:innen. Zu dieser Kampfgruppe gehörten neben Deserteuren, geflohenen Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeiter:innen auch nicht wenige Edelweißpirat:innen. Die Widerstandskämpfer:innen hausten in Gebäuderuinen und Kellern, organisierten in der Nacht Lebensmittel und Kleidung und versteckten einige jüdische Menschen vor den Nazis. Die Ehrenfelder Gruppe ging gezielt gegen Nazifunktionäre und Gestapoangestellte vor. Zunächst erschoss sie am 28. September 1944 den Ehrenfelder Ortsgruppenleiter Soentgen. Danach nahm sie die Planung und Vorbereitung zur Sprengung der Kölner Gestapo-Zentrale auf. Zu diesem Zeitpunkt operierten rund 20 bewaffnete Gruppen im Stadtgebiet der rheinischen Metropole. Die zahlreichen Aktionen weiteten sich zu einem regelrechten Aufstand aus. Dabei kam es zu tödlichen Anschlägen auf einen NSDAP-Ortsgruppenleiter, einen Polizeiinspektor, einen SA-Scharführer, einen HJ-Streifenführer, einen Gestapoleiter, einen SS-Sturmbannführer, sieben Polizeibeamte, fünf NS-Leiter und mehrere Wehrmachtsangehörige. Gegen den bewaffneten Aufstand gingen die NS-Machthaber sofort massiv vor. In groß angelegten Razzien wurden viele Mitglieder der Ehrenfelder Gruppe festgenommen.

Im Oktober 1944 richteten die Nazis elf ausländische Zwangsarbeiter und im November 13 Deutsche, unter ihnen Hans Steinbrück und mehrere Edelweißpiraten aus der Ehrenfelder Gruppe öffentlich hin. Parallel durchkämmten schwerbewaffnete Sonderkommandos die Ruinen der Domstadt und stießen dabei auf Widerstandsgruppen, die sich mit Maschinenpistolen und Handgranaten wehrten. In den darauf folgenden Wochen wurden in Köln Hunderte militante Antifaschist:innen und Angehörige wilder Jugendcliquen gefasst, gefoltert und viele von ihnen exekutiert.
Nachkriegszeit
Nach der Befreiung im Mai 1945 gingen die Angehörigen der wilden Jugendgruppen sehr verschiedene Wege. Manche wandten sich der KPD und deren Jugendverband FDJ zu, der weitaus größere Teil blieb jedoch als unangepasster Jugendzusammenhang bestehen. In allen vier Besatzungszonen existierten nach dem Krieg wilde Jugendcliquen. Dabei arbeiteten einige der Gruppen zunächst mit den Besatzungsmächten zusammen, beendeten diese Zusammenarbeit mit den Alliierten jedoch bald wieder. Wie schon in der NS-Zeit, so gab es auch im Nachkriegsdeutschland kein einheitliches Verhalten der unangepassten Jugendlichen. Was sich aber bei den meisten Gruppen fortsetzte, war die Ablehnung staatlicher Autoritäten.

In den Nachkriegsjahren wurden die jugendlichen Oppositionellen nicht als politisch Verfolgte des NS-Regime anerkannt – auch die Edelweißpirat:innen nicht. So wie Wehrmachtsdeserteure, wurden auch antinazistische Jugendliche verleumdet, etwa mit dem Hinweis auf ihr »kriminelles« Verhalten. Ungeachtet der bundesrepublikanischen Ignoranz, wurde der Kölner Edelweißpirat Jean Jülich 1984 stellvertretend für andere von Israel als »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichnet.
Exkurs: Die Münchner Blasen
In Bayern gab es wilde Jugendgruppen beispielsweise in München, Nürnberg, Augsburg, Würzburg und Landshut. In der Landeshauptstadt nannten sich die unangepassten Jugendcliquen Blasen. Die Angehörigen der Münchner Blasen begingen zunächst leichte Delikte wie Raufereien, Übertretungen von Polizeiverordnungen oder Einbrüche. Im Stadtgebiet gab es zahlreiche wilde Jugendgruppen, womit München ein Schwerpunkt dieses reichsweiten Jugendphänomens war. So sprach in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre schon ein Behördenbericht davon, dass 214 Jugendliche aus Münchner Blasen zu einem »Wochenendsammelarrest« festgesetzt worden waren. Über eine dieser wilden Gruppen, der Ankerblase, tuschelten viele Münchner Jugendliche hinter vorgehaltener Hand. Sie traf sich in vergammelten Baracken am Auer Mühlbach, einem Stadtbach der durch die beiden proletarischen Stadtteile Giesing und Au fließt. Die Ankerblase wurde schließlich von der Polizei abgeräumt und niemand wusste wohin. Nichtsdestotrotz nahm die Anzahl der Blasen seit Kriegsbeginn in München stetig zu.
Wie auch in anderen Städten des zerbombten NS-Deutschland, so gingen auch in München immer mehr oppositionelle Jugendliche zu aktiven Widerstandshandlungen über. Ein Beispiel hierfür: Die Blase im Arbeiterviertel Giesing (Giasinga Blosn) versorgte während des Zweiten Weltkrieges streikende Zwangsarbeiterinnen im örtlichen Agfa-Werk mit gestohlenen Lebensmitteln. Die Firma Agfa in der Tegernseer Landstraße gehörte zu den acht größten Münchner Rüstungsgüterproduzenten und beschäftigte in den letzten Kriegsjahren 3000 Personen, wovon die allermeisten Frauen waren.
Lied der Edelweißpiraten
An Rhein und Ruhr marschieren wir
Für unsere Freiheit kämpfen wir
Den Streifendienst, schlagt ihn entzwei
Edelweiß marschiert, Achtung, die Straße frei
Meister gibt uns die Papiere
Meister gibt uns unser Geld
Denn das Wanderleben ist viel schöner
Als die Schufterei auf dieser Welt
Unser Edelweißpiratenlager
Liegt in Österreich auf einem Berg
Und sollte es nur einer wagen
Zu uns zu kommen auf den Berg
Wir werden sie herunterschlagen
Ob Gestapo oder Streifendienst
Denn unsere Edelweißpiraten
Kennen keine feige List
*Höre, was wir dir jetzt sagen
Unsere Heimat ist nicht mehr frei
Schwingt die Spaten der Edelweißpiraten
Und schlagt endlich die Nazis entzwei*
Das in Rheinland-Westfalen oft gesungene Lied »An Rhein und Ruht marschieren wir« ist ein typisches Beispiel für die Repertoireliste wilder Jugendgruppen. Ursprünglich war es in den Jahren der Weimarer Republik ein kommunistisches Kampflied. Im Nationalsozialismus dichteten es rheinland-westfälische Jugendgruppen für ihren Gebrauch um.
Literatur:
Jülich, Jean: Kohldampf, Knast un Kamelle. Ein Edelweißpirat erzählt sein Leben. Verlag
Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003.
Kenkmann, Alfons: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer Jugendlicher zwischen
Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Währungsreform. Klartextverlag,
Essen 2002.
Lange, Sascha: Meuten, Swings & Edelweisspiraten. Jugendkultur und Opposition im
Nationalsozialismus. Ventil-Verlag, Mainz 2015
Muth, Heinrich: »Jugendopposition im Dritten Reich«. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte,
Heft 3 (1982), S. 369–417.
Rathgeb, Kerstin: Helden wider Willen. Frankfurter Swing-Jugend zwischen Verfolgung und
Idealisierung. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2001.
Theilen, Fritz: Edelweißpiraten. Emons Verlag, Köln 2003.
Jugendopposition im Nationalsozialismus in Stichpunkten
Es gibt verschiedene Definitionen, welches Verhalten während des Nationalsozialismus (NS) als Opposition oder Widerstand zu werten ist. Der Historiker Detlef Peukert (Hochschule Essen) erarbeitete dazu eine Pyramide, deren breite Basis die private und partielle Kritik am Faschismus stellt. Aufsteigende Elemente der NS-Gegnerschaft bilden Nonkonformität und Opposition. Der aktive Widerstand steht für die schmale Spitze der Pyramide.
Neben Jugendlichen, die in den jeweiligen Arbeiterverbänden organisiert waren, gab es noch sogenannte wilden Cliquen oder wilden Jugendgruppen. Selbstverständlich gab es auch Überschneidungen zwischen organisierten und wilden Jugendgruppen.
Ab 1936/37 entstanden lockere, autonome Zusammenschlüsse von Jugendlichen, die sich aufgrund der Ablehnung der HJ und des BDM zusammentaten. Nur knapp die Hälfte aller 10- bis 18-Jährigen waren 1935 Mitglieder in der HJ bzw. dem Jungvolk.
Gründe für die etwa 52 Prozent aller Jugendlichen in NS-Deutschland, die nicht beim Staatsjugendverband mitzumachen, gab es genug.
Ein Grund: Die meisten Jugendlichen aus proletarischem Elternhaus konnten sich keine weiterführenden Schulen leisten, beendeten nach der 8. Klasse die Volksschule und begannen eine Lehre. In den Betrieben entkamen sie der Kontrolle der HJ/BDM eher als Schüler:innen der weiterführenden Schulen.
Lehrlinge suchten außerhalb der anstrengenden und hierarchischen Arbeitswelt verstärkt nach eigenen, autonom gestalteten Freizeitmöglichkeiten. Man traf sich mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten, die in derselben Straße wohnten oder die man über die Lehrstelle/Arbeit kennengelernt hatte.
Die wilden Jugendgruppen grenzten sich mit ihrem Outfit gewollt gegen die herrschende Norm ab. Dazu zählte eine legere, sportliche Wanderkleidung, die als Kluft bezeichnet wurde. Die Kleidung – als sichtbare Unterscheidung nicht nur gegenüber HJ/BDM, sondern auch gegenüber der Erwachsenenwelt – bildete also ein öffentliches Bekenntnis der eigenen oppositionellen Meinung sowie der Gruppenzugehörigkeit.
Die wilden Jugendgruppen hatten lokal und regional verschiedene Selbstbezeichnungen wie Navajos, Kittelbachpirtaten, Meuten, Blasen, Schlurfs, Stauber, Edelweißpiraten usw. Die NS-Institutionen bezeichneten alle diese Gruppen als »bündische Jugendliche«, was irreführend war, da die wilden Jugendgruppen recht wenig mit der Wandervogelbewegung und deren Bünde aus der Weimarer Zeit zu tun hatten.
Charakteristisch für die unangepassten Jugendcliquen waren in erster Linie gemeinsame Treffs, Fahrten und die besagte typische Kleidung.
Der harte Kern wohnte in der unmittelbaren Umgebung des jeweiligen Treffpunktes. Dieser befand sich im öffentlichen Raum, auf einer Straße oder einem Platz, in Parks und Grünanlagen, teilweise auch in Gaststätten.
Die autonome Jugendbewegung bestand vor allem aus Jugendlichen der unteren Schichten, die sich eine eigene Subkultur schufen. Sie wollten ein selbstbestimmtes Leben führen und lehnten die Trennung von weiblichen und männlichen Jugendlichen ab. Deswegen kämpften sie gegen die Reglementierungen durch HJ/BDM.
Oppositionelle Jugendliche griffen immer wieder den HJ-Streifendienst an, wobei es zu Massenschlägereien kam.
Die Ablehnung aller Rituale, der vorgeschriebenen Disziplin und der staatlichen Zwangsorganisationen hatten alle wilden Jugendgruppen gemeinsam.
Mit fortlaufender Existenz des NS-Regimes und vor allem nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begannen viele der Jugendlichen eine noch entschiedenere Verweigerungshaltung einzunehmen. Sie verweigerten nun massenhaft die Arbeit und den Kriegsdienst. Manche desertierten nach einem Heimaturlaub aus der Wehrmacht .
Nach dem Ausklinken aus der gesellschaftlichen Normalität mussten viele der Jugendlichen Eigentumsdelikte oder andere Beschaffungsaktionen machen, um überleben zu können.
Diese notgedrungenen, kleinkriminellen Handlungen stießen bei den Vertreter:innen der traditionellen Arbeiterbewegung auf Unverständnis. Die wilden Jugendcliquen wurden von ihnen meist scharf kritisiert und in althergebrachter Weise als subproletarisch abgelehnt.
In ganz NS-Deutschland konstituierten sich wilde Jugendgruppen mit oft mehreren tausend Jugendlichen. Diese existierten vor allem in proletarischen Vierteln und Vorstädten und erhielten ab 1941/42 einen Massenzulauf.
Hauptaktivitäten waren nun – neben Angriffen auf HJ-Patrouillengänge – Enteignungsaktionen sowie das Anbringen von antinazistischen Parolen an Hauswänden.
Zu den heute bekanntesten Gruppen gehörten sicherlich die Edelweißpirat:innen, die 1944 in Köln durch die Ehrenfelder Gruppe zu bewaffneten Aktionen übergingen.
Diese bewaffnete Gruppe bestand aus Edelweißpiraten, geflohenen Zwangsarbeitern, desertierten Soldaten und auch Leuten, die Kontakt zur kleinkriminellen Szene hatten. Nach ungenauen Angaben bestand die Gruppe aus mindestens 200 Leuten.
Die Ehrenfelder Gruppe organisierte schon seit längerer Zeit auf unkonventionelle Weise Lebensmitteldiebstähle, die sie auf verschiedene Arten umverteilte. Sie dienten zur Eigenversorgung, aber auch zur Unterstützung von Illegalen und Deserteuren sowie entflohenen Gefangenen und Zwangsarbeiter:innen.
Köln glich in den letzten Jahren sowieso eher einem Kriegsschauplatz mit zerbombten Straßenzügen und massenhaft Häuserruinen. Die Gestapo ging in der rheinischen Metropole von etwa 20 bewaffneten Banden aus, auf deren Konto allein im Januar 1945 etwa 29 tödliche Attentate gegangen seien, darunter fünf an politischen Leitern und sechs an Polizeibeamten.
Im November und Dezember 1944 herrschten in Ehrenfeld bürgerkriegsähnliche Zustände. Eine der bewaffneten Gruppe lieferte der Polizei ein zwölfstündiges Feuergefecht, das erst durch die Sprengung der Trümmerkeller beendet werden konnte. Eine andere Gruppe verteidigte sich mit Handgranaten und einem Maschinengewehr. Sie durchbrach sogar die Sperrkette der Polizei und konnte entkommen.
Das NS-Regime ging mit brutaler Repression gegen die Widerstand vor. Im November 1944 waren bereits einmal elf und dann nochmal 13 Männer und Jugendliche hingerichtet worden. Zudem wurden bis Ende Dezember 156 Personen im Zusammenhang mit der Ehrenfelder Gruppe verhaftet sowie weitere 200 wegen anderer Bandenbildung.
Viele der in der NS-Zeit inhaftierten Jugendlichen stellten nach dem Krieg Anträge auf Wiedergutmachung für die Haftzeit in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Ehemalige Edelweißpirat:innen kämpften erfolglos für die Aufhebung der NS-Urteile, da die bundesdeutschen Behörden die Verurteilungen meist für rechtens hielten.
In der DDR bekamen nur diejenigen eine Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes, die sich vorbehaltlos zur SED bekannten.