[autonomia dachau]

Kommentar zur „realen Sicherheitslage“ in Dachau

Unter diesem Vorzeichen informierte der stellvertretende Polizeichef von Dachau Albert Kapitza am Mittwoch, den 4.11.09 den Stadtrat. Die Dachauer BürgerInnen empfänden in letzter Zeit ein Gefühl, dass diese Stadt nicht mehr so sicher ist. Ein kurzer Erklärungsversuch.

Seit September werden in der Dachauer Lokalpresse auch vermehrt Meldungen über Gewaltdelikte publiziert. Im Zuge von Solln und der Debatte über Jugendgewalt werden nun auch hier Vorkommnisse stärker medial thematisiert. Das hat die Folge, dass das Gefühl sich nicht „sicher“ zu fühlen bestätigt wird. Im Artikel der Dachauer SZ vom 6.11. darf sich Kapitza noch einmal ausführlich dem Thema widmen. Es werden die Geschehnisse der vergangenen zwei Monate als Beispiele angeführt. Doch gleich der Unterzeile der Überschrift ist zu entnehmen, dass die Zahl der Straftaten (1736) im Vergleich zum Vorjahr (2082) zurück gegangen ist.

Warum wird hier so rumgedruckst? Ja, es gibt in Dachau Straßenschlägereien. Und es gab sie immer. Nicht nur zu den Anlässen Volksfest oder Faschingsumzug. Aber der Dachauer Polizei-Vize stellt gleich zu Anfang klar von welcher Gruppe Personen die Bedrohung ausgehe: „Punker, Drogensüchtige und Betrunkene“. Vornehmlich anzutreffen am Bahnhof und dem Park am Sparkassenplatz. Dass von den aufgeführten Gewaltdelikten keines aus diesen Personenkreisen begangen wurde, stellt scheinbar keinen Widerspruch dar. Diese Leute sitzen eigentlich nur rum und vetreiben sich die Zeit bis zum nächsten Bier, dessen Erwerb sich schon mal geschnorrt werden muss. Gewalt gegen Unbeteiligte kommt hier so gut wie nicht vor. Das einzige, was ihnen zum Vorwurf gemacht werden kann, ist, dass sich manche durch das schnorren und den erhöhten Lautstärkepegel gestört fühlen können. Aber handelt es sich hier zuerst um ein ästhetisches, denn um ein Sicherheitsproblem. Es muss halt mit dem Vorlieb genommen werden, was da ist. Raubüberfälle im Vorfeld zu verhindern ist irreal, ebenso einem Mann anzusehen, ob er zu Hause Frau und Kinder verprügelt. Da sind „Punks und Betrunkene“ greifbarer, da sich ihr Dasein in der Öffentlichkeit abspielt und nicht hinter verschlossenen Türen.

Delikte, die ebenfalls greifbar sind, bzw. deren Resultate sind Graffitis. Hat sich die Dachauer Polizei vor 4-5 Jahren noch damit gebrüstet eine nahezu 90 prozentige Aufklärungsquote diesbezüglich aufweisen zu können, ist davon nicht im Ansatz mehr die Rede. Zu Recht! Wurden damals die Tags noch entfernt, ist dies heute die Mühe nicht mehr wert. An der gesamten S2 Strecke bis nach Petershausen sind die grauen Schallschutzwände, mal stellenweise mal flächendeckend, bunt verschönert. Da hat die Polizei mal eindeutig versagt, was sie mit der Aussage sie sei auf „die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen“ zugibt. Oder hat sie mit ihrem regressiven Vorgehen noch angespornt? Auf jeden Fall handelt es sich wiederum um ein ästhetisches „Problem“. Ob das jetzt schön ist oder hässlich, ist Ansichtssache.

Genauso wie es Ansichtssache ist, welchen Fußballclub man unterstützt. Eine Rivalität der Ultra-Gruppen hat sogar nach Dachau Einzug gehalten. Aufkleber und Schriftzüge vermehren sich im Stadtbild rasant. Im Allgemeinen kann die Ultra-Bewegung eine stetig steigende Anziehungskraft bei Jugendlichen für sich verzeichnen. Ebenso die Gangs bei migrantischen Jugendlichen.

Hier sind wir schon näher an der Gewalt. Aber wieder nicht gegen Unbeteiligte, sondern gegen Angehörige der anderen Gruppe. Die Polizei muss schockiert gewesen sein als sich eine Gang mit der anderen Ostern am Stadtweiher zu einer Massenschlägerei verabredete. Ein Großeinsatz, sogar mit Hubschrauber, vereitelte das Vorhaben.

Was kann als Resümee festgehalten werden? Allen Gruppen, Punks, Ultras, Sprayer und Gangs ist eine latente Antipathie gegenüber der Polizei und staatlichen Organen gemein. Die drei letztgenannten verzeichnen Zulauf. Aus zunehmender Desillusionierung und Unzufriedenheit mit der Gesellschaft schließen sich viele Jugendliche Gruppen an, in denen sie den inneren Frust abbauen und die Verhältnisse einen Augenblick vergessen können. Dadurch werden diese nicht verändert, aber durch Nichtakzeptanz und das darüber hinweg setzen, indirekt in Frage gestellt.

Gesamtgesellschaftlich ist eine gewisse Verrohung festzustellen, die sich durch die Krise des Kapitals weiter verschärft. Die Art und Weise, wie Jugendliche darauf reagieren oder versuchen sich zu entziehen, spiegelt dies nur wieder. Bestehende Probleme auf Randgruppen abzuwälzen ist ein altes Muster und rührt nicht an der eigentlichen Thematik, denn Subkulturen gab und gibt es seit jeher. Polizei, Politik und Presse werden sie nicht verstehen. Sie können es versuchen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Ihnen bleibt nur zu hoffen, dass die Jugendlichen sich irgendwann wieder den bürgerlichen Normen annähern. Tritt dies nicht ein und die Widersprüche der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft verschärfen sich weiter, steht uns allen eine spannende Zeit bevor.