[autonomia dachau]

Mit harten Bandagen – Streik bei Neupack in Hamburg

Seit 1. November 2012 befinden sich die Beschäftigten der Firma Neupack in Hamburg-Stellingen in einem unbefristeten Streik. Es geht um einen Tarifvertrag. Eigentlich nichts besonderes, sollte man meinen. Doch, denn hier geht es um mehr als “nur“ um den Tarifvertrag. Der Streik in Stellingen und der Zweigstelle Rotenburg (Wümme) gerät immer mehr zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen Beschäftigten und einer Geschäftsführung, die in den gängigen rechtlichen Regelungen eine Bedrohung sieht, die es kategorisch zu verhindern gilt. So wird mit allen Mitteln gegen den Streik vorgegangen. Doch die Streikenden erhalten viel Solidarität von außen. Ein Zwischenstandsbericht.

Das Familienunternehmen Neupack Verpackungen GmbH & Co KG mit 200 Beschäftigten stellt Verpackungen, z.B. Becher für Margarine, her. Das im Besitz der Familie Krüger befindliche Unternehmen, machte 2011 einen Gewinn von 810.000 Euro. Die Kolleg_innen sind seit über zehn Jahren von Lohnerhöhungen ausgeschlossen. Es herrscht willkürliche Behandlung in Bezug auf Bezahlung und Urlaub oder Lohnabzug im Krankheitsfall. Als eine zusätzliche Belastung wird die gesundheitliche Gefährdung durch giftige Dämpfe in der Produktion von den Arbeiter_innen beschrieben. In diesem Betrieb gibt es bisher keinen Tarifvertrag und die Chefetage sieht auch keinen Grund, dass sich daran etwas ändern sollte. Einen Warnstreik am 22.10. saßen sie ruhig aus. Die Kolleg_innen sind allerdings fest entschlossen dieses Mal etwas grundsätzliches durchzusetzen und sie sind bereit, auch bis zum Äußersten zu gehen. Die ansonsten eher zurückhaltende DGB-Gewerkschaft IG BCE sagte ihre Unterstützung zu. So wurde bei einer Urabstimmung für einen unbefristeten Streik gestimmt. Ebenfalls wurde eine externe Unterstützungsgruppe aus Betriebsaktivist_innen und Gewerkschaftslinken, der Soli-Kreis Neupack, gegründet, der es als Aufgabe sah, „dass sich Stadtteil-Kämpfe, Kämpfe gegen Rassismus und Nazis mit dem Widerstand in Betrieben vereinigen, dass in Hamburg (und nicht nur dort) eine Widerstandskultur entsteht. Viele von uns leben in ähnlich prekären Arbeitsverhältnissen und können sicher die Wut der Neupack-Beschäftigen nachvollziehen.“

Morgens um 5 Uhr wurden am 1.11. Streikposten aufgestellt. Arbeiter_innen, v.a. Frauen, bildeten zum Schichtwechsel eine Diskussionskette, um die Kolleg_innen zum Streik zu motivieren und konnten auch einige überzeugen. Auch in der Zweigstelle in Rotenburg wurde gestreikt. Allerdings zeigte sich schon hier eine Spaltung der Belegschaft. Angestellte beteiligen sich bis dato alle nicht am Streik – im Gegenteil. Insgesamt stehen sie dem Streik ablehnend gegenüber, bezeichnen ihre Haltung aber als „neutral“ und rieten den Streikenden, sie sollten sich doch einen anderen Job suchen, wenn’s ihnen hier nicht passt.

Eine Arbeiterin wurde in Stellingen bereits am ersten Tag tätlich angegriffen. In Rotenburg wurde ein Kollege von einem Angestellten mit dem Auto angefahren, was vermutlich nicht unabsichtlich geschah.

Legal, Illegal, Kapital – die Reaktion der Geschäftsführung

Schnell wurde offensichtlich, zu welchen Mitteln die Gegenseite bereit zu greifen ist. Sie ließ die Streikenden pausenlos mit Videokameras überwachen. Die IG BCE leitete rechtliche Schritte dagegen ein, bisher aber ohne Ergebnis. Für die Ausfälle hatte sie auch schon eine Lösung parat: Sie engagierten 20 Leiharbeiter_innen der Leiharbeitsfirma Work Express aus dem polnischen Kattowitz als Streikbrecher_innen.

Als diese dann am 6.11. um 9.30 Uhr am Werk in Stellingen eintrafen, konnten sie von den Frauen der Diskussionskette weder überzeugt noch aufgehalten werden. Die Annahme es würde sich um ahnungslose Streikbrecher handeln erwies sich als falsch. Der Soli-Kreis hatte Flugblätter auf deutsch und polnisch vorbereitet. Die Leiharbeiter sprachen bestens deutsch, wussten ,wozu sie engagiert wurden und drückten sich lachend durch die Streikenden. Dabei wurden sie von der Polizei tatkräftig unterstützt. Angestellte beobachteten das ganze vom Fenster aus mit mehr als nur Wohlwollen. In Rotenburg waren für den folgenden Tag Leiharbeiter_innen angekündigt.

Derweil ging die Geschäftsführung gerichtlich gegen die Diskussionsketten vor. Die Streikleitung teilte am 7.11. mit, dass per einstweiliger Verfügung, trotz gegenteiliger Urteile in Berlin und Bielefeld, diese bis auf weiteres untersagt seien. Der Soli-Kreis dazu: „Die Familie Krüger beobachtete natürlich die Wirksamkeit der Diskussionsketten, dass Arbeitswillige sich durch die Argumente der Streikenden bewegen ließen, sich solidarisch zu zeigen und mitzustreiken. Und es ärgerte sie maßlos, dass Streikbrecher warten oder über den Zaun springen mussten. Früher nannte man eine derartige Verfügung des Arbeitsgerichtes Hamburg, der Familie Krüger zu Willen zu sein: Klassenjustiz.“

Am achten Streiktag, Donnertag den 8.11., bekamen die Kolleg_innen die Auflage erteilt, nur noch zehn Minuten pro Stunde die Lautsprecheranlage benutzen zu dürfen. Der Streik gerät immer mehr zum Kleinkrieg. Der Betriebsratsvorsitzende Murat Günes bekam die fristlose Kündigung, da er an einer Rangelei am Werkstor beteiligt gewesen sein soll. Zwei weitere Kollegen bekamen aus dem selben Grund Strafanzeigen. In Rotenburg wurden Kolleg_innen aus Hamburg von Wachleuten des Betriebes mit Hunden „empfangen“. Die Polizei musste die Wachleute, laut Soli-Kreis, zurückhalten.

Der Streik geht weiter!

Die Entschlossenheit der Streikenden und die Unterstützung von außen ist aber größer als es die Gegenseite erwartet hat. Die Streikfront steht laut deren Bekundungen fest. Und auch lokale Medien kommen nicht drum herum, über die repressiven Maßnahmen der Geschäftsführung zu berichten. Scheinbar ist das den Krügers aber egal, denn sie lenkten noch keinen Millimeter ein.

Am 11.11. wurden die Streikbrecher abgezogen. Nachdem die IG BCE in Kontakt mit Work Exress getreten war, zeigte sich, dass die Leiharbeitsfirma nicht über einen stattfindenden Streik informiert war und stellte die Zusammenarbeit mit Neupack ein, solange der Streik anhält.

Es geht um Kolleg_innen, die es nicht weiter hinnehmen wollen, die von selbst erwogen haben zu kämpfen. Die Gewerkschaft hatte gar keine andere Wahl, als die Arbeiter_innen zu unterstützen. Das ist zwar noch keine Form von Arbeiter_innenautonomie, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn noch nichts entschieden ist: Der Neupack-Streik kann als beispielhaft angesehen werden. Wegen des harten Vorgehens der reaktionären Geschäftsführung, aber auch wegen des entschlossenen und solidarischen Vorgehens der Kolleg_innen, dem Willen ihre objektiven Interessen durchzusetzen. Jetzt oder nie.

Gerade in Hinblick auf den als europäischen Aktionstag ausgerufenen 14. November 2012 gilt

**Solidarität mit allen kämpfenden Kolleg_innen

in Hamburg, Portugal, Spanien, Südafrika, Griechenland, Zypern ÜBERALL!**

Aktuelle Berichte unter LabourNet Kategorie Verpackungsindustrie

Homepage des Solikreis Neupack soli-kreis.tk

Flugblatt des Soli-Kreis Neupack:

Solidarität mit den Streikenden bei Neupack!

Unterschiedliche Löhne für gleiche Arbeit, Beliebigkeit bei der

Urlaubsregelung, seit vielen Jahren keine Lohnerhöhung? Löhne deutlich unter dem

branchenüblichen Niveau? Das ist Alltag in der Firma Neupack! Es herrscht eine

willkürliche Firmenpolitik, mit der jetzt Schluss gemacht wird. Seit dem 1.

November 2012 befinden sich die Beschäftigten des Verpackungsmittelherstellers

im unbefristeten Streik. Mit dem Arbeitskampf will die Gewerkschaft IG BCE einen

Haustarifvertrag durchsetzen. Die Kolleginnen und Kollegen antworten damit auf

die ständigen Schikanen der Unternehmensleitung und streiten für höhere Löhne.

Die rund 200 Beschäftigten der Firma Neupack Verpackungen GmbH und Co KG, mit

Niederlassungen in Hamburg-Stellingen und Rothenburg/Wümme, produzieren

Verpackungen für Lebensmittel, wie Joghurt- und Frischkäsebecher. Zu ihren

Kunden gehören Molkereien und andere Verpackungs-Großhändler der Branche. Die

vier Eigentümer setzen sich aus zwei Generationen der Familie Krüger zusammen.

Die Familie inszeniert sich selbst gerne als „ehrbare Kaufmänner“, während sie

im Betrieb schonungslos ihre Interessen durchsetzen. Nach einem Warnstreik am

22. Oktober, der die Produktion in beiden Standorten weitestgehend zum Erliegen

brachte, ging auch die Geschäftsführung zum Angriff über. Indem sie den

StreikteilnehmerInnen 200 – 400 Euro Lohn vorenthielten, unterstrichen die

Eigentümer ihre Haltung. Seit Monaten führen sie einen Kleinkrieg gegen aktive

Gewerkschafter und Betriebsräte. Sie sprachen unter fadenscheinigen Gründen eine

fristlose Kündigung gegen den Betriebsratsvorsitzenden aus, andere erhielten

Abmahnungen.

Bereits im Frühjahr 2012 versuchte die IG BCE einen Tarifvertrag zu

verhandeln. Als im Mai diesen Jahres ein Arbeitskampf unmittelbar bevor stand,

zeigte sich die Geschäftsführung plötzlich verhandlungsbereit. Das Ganze

entpuppte sich als reine Verzögerungstaktik und die Eigentümer spielten auf

Zeit: Weitere Monate ohne ernstzunehmenden Verhandlungen verstrichen, in denen

der Betrieb unter den alten, schlechten Bedingungen weiter produzierte. Im

Oktober spitzte sich der Konflikt erneut zu. Nach dem Warnstreik beschlossen die

Beschäftigten in den unbefristeten Streik zu treten, um den seit rund einem Jahr

umkämpften Haustarifvertrag durchzusetzen und der Gutsherrenart der

Geschäftsführung einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die Kolleginnen und Kollegen der Firma Neupack stehen stellvertretend für

viele andere, die von Unternehmen ausgenutzt, gegeneinander ausgespielt und zu

niedrigen Löhnen beschäftigt werden. Umso stärker ist das Signal, dass sie jetzt

aktiv werden und sich für ihre Interessen einsetzen. Sie ergreifen die

Initiative und kämpfen für höhere Löhne und gegen die Spaltung der Belegschaft.

Das geht uns alle an! Damit ihr Arbeitskampf erfolgreich wird, sind sie auf eine

breite Unterstützung angewiesen. Helfen wir dabei, die Eigentümer in ihre

Schranken zu weisen!

Wir rufen dazu auf, den Streik zu unterstützen und Solidarität zu zeigen.

Besucht das Streikzelt, informiert Euch und Euer Umfeld über den Arbeitskampf,

kommt zu weiteren Aktionen und organisiert eine breite Unterstützung. Gemeinsam

sind wir stark!

Die Niederlassung von Neupack in Hamburg-Stellingen befindet sich im

Doerrisweg 15, das Werk in Rotenburg/Wümme im Jeersdorfer Weg 14. Täglich von 10

Uhr bis 14 Uhr treffen sich die Kolleginnen und Kollegen im Streikzelt.

Streikposten stehen zu Zeiten des Schichtwechsels vor dem Betrieb: 05:30 Uhr bis

06 Uhr, 13:30 Uhr bis 14 Uhr und 21:30 Uhr bis 22 Uhr

Soli-Kreis Neupack