Nirgends so viele 450 Euro Jobs wie in Dachau
Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Hans-Böckler-Stiftung des DGB¹ gibt es im gesamten Bundesgebiet nirgends so viele Menschen mit einem 450 Euro Job wie im Landkreis Dachau. Mit einem Anteil von 16% bewegt man sich an der Spitze, gefolgt vom Landkreis Fürstenfeldbruck mit 15%. Bei der Suche nach Gründen gehen die Meinungen bei so genannten Expert*innen auseinander, auch ob dies überhaupt ein Problem darstellen würde. Für Lohnabhängige liegen die Gründe klar auf der Hand. Wer zu wenig verdient um damit über die Runden zu kommen, versucht etwas dazu zu verdienen.
Mietwucher
Regelmäßig wird berichtet, dass die Mieten im „Speckgürtel“ von München eben auch bundesweit Spitze sind. In Karlsfeld sind sie 2019 und 2020 gar am höchsten. Dachau bewegt sich meist auf Platz fünf². Die Nähe zu München lässt außerdem viele Besserverdienende nach Dachau ziehen, um der Großstadt fern und doch nah zu bleiben. Das sorgt dafür, dass Mieten eher steigen als fallen. Und die Vermieter*innen können sich aussuchen, wem sie eine Wohnung vergeben. Da sind höhere Einkommen in einem sicheren Arbeitsverhältnis ausschlaggebend, denn (Wohnungs)Besitzende wollen Sicherheit – eine Sicherheit, die von einem erheblichen Teil der Menschen in Lohnarbeit hier gar nicht aufgebracht werden kann.
Geringverdienende, Alleinerziehende und Migrant*innen oder Menschen die in alle drei Kategorien fallen, haben hier nicht nur das Nachsehen, man ist zu einem erheblichen Anteil aus der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen. Man sucht teils über Jahre eine Wohnung und findet man eine, muss man sich mit Zweit- und oft sogar Drittjobs über Wasser halten.
Niedriglohnsektor
450 Euro Jobs, deren Einkommen bis zu dieser Verdienstgrenze steuerfrei bleibt, waren ursprünglich gedacht einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu gewährleisten, wie das im geschwollen Amtsdeutsch heißt. Tatsächlich ist seit der Hartz IV Reform ein stetig steigender Niedriglohnsektor entstanden – in Form von Leiharbeit, befristeten Hilfsjobs und eben Minijobs mit 450 Euro Grenze.
Auch letztere sind in der Regel befristet. Für Unternehmen ist das Modell grundsätzlich vorteilhaft. Billige Arbeitskräfte können für einen kurzen Zeitraum ohne Sozialabgaben eingestellt und bei Erfüllung des Bedarfs einfach wieder vor die Tür gesetzt werden. Ein Kündigungsschutz kann bei beispielsweise kurzer Beschäftigungsdauer umgangen werden. V.a. in Krisenzeiten geradezu hervorragend für große wie kleine Unternehmer*innen. Die Corona Krise hat das noch einmal bestätigt. Es waren die Minijobber*innen, die als erste rausgeflogen sind. Später wurde durch Gerichte noch festgestellt, dass ausbleibender Lohn bei Schließung im Lockdown nicht nachträglich eingefordert werden kann. Ein Anspruch auf Kurzarbeit besteht im 450 Euro Job nicht, ein Anspruch auf Arbeitslosengeld I ebenso nicht. Die Chefin des Fürstenfeldbrucker Jobcenters drückt das folgendermaßen aus: Der Landkreis weise einen „gesunden Branchenmix auf“, daher gebe es ein „entsprechend hohes Angebot geringfügiger Beschäftigung“ (Dachauer SZ 29.3.22).
Steigende Inflation
Viele stecken auch sprichwörtlich im 450 Job fest. Wer alleinerziehend ist und nur in Teilzeit arbeiten kann, verdient mit einem regulären Job zu wenig bzw. müsste erheblich mehr arbeiten, um an 450 Euro heran zu kommen. Wenn sich das über Jahre hinweg zieht, ist Armut im Alter durch eine viel zu niedrige Rente vorprogrammiert. Jetzt kommt noch die steigende Inflation hinzu. Waren es im Februar noch 5,1%, sind es im März 7,3%, der höchste Anstieg seit 40 Jahren. Dabei steigen nicht nur die Preise für Heizkosten und Benzin (40% im Vergleich zum Vorjahresmonat), der Krieg gegen die Ukraine verteuert auch Lebensmittel wegen steigender Produktionskosten, da der russische Staat bis zum seinem Angriff auf das Nachbarland ein gern gesehener Partner für Gas- und Öllieferungen war. Der Preis von Gemüse stieg um 14%, Speiseöle – sofern überhaupt im Supermarkt verfügbar – auf 20% (SZ Wirtschaft 31.3.22). Die Mieten bleiben gleich und auch eine Anhebung der Verdienstgrenze bei 450 Euro Jobs bei Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro die Stunde ab Oktober, deckt dies nicht im Geringsten. Sämtliche Wirtschaftsinstitute warnen vor einer so bezeichneten „Lohn-Preis-Spirale“, was bedeutet, dass Gewerkschaften in Zeiten einer Inflation auf hohe Lohnforderungen verzichten sollen, da ansonsten Kosten durch höhere Löhne wieder in Preissteigerungen münden. Das bedeutet, dass trotz konstant hoher Mieten und rasant steigender Preise der Lohn gleich bleiben soll. Die IG BCE im DGB ging mit gutem Beispiel voran – gut für die Unternehmen der Chemieindustrie, schlecht für die Arbeiter*innen der Chemieindustrie. Sie verzichtete freiwillig auf eine prozentuale Lohnerhöhung und schloss schnell eine Einmalzahlung über 1400 Euro ab, für „Not leidende Betriebe“ kann die Zahlung auf 1000 Euro beschränkt werden (SZ Wirtschaft 6.4.22).
Man könnte ja immer noch einen 450 Euro Job annehmen. Dann hast du zusätzlich zum Lohnverlust auch weniger Freizeit und am Ende weniger Rente. Aber in Dachau befindest du dich dafür – wenn du schon vom gesellschaftlichen Leben ein Stück weit ausgeschlossen bist – wenigstens im Trend.
Armut ist kein Zufall. Solidarität vernetzen. Gegenmacht aufbauen. Wohlstand vergesellschaften
¹ https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-minijobs-sind-ein-irrweg-39744.htm
² https://www.sueddeutsche.de/muenchen/karlsfeld-mietpreise-teuerste-stadt-1.4342764 https://www.merkur.de/lokales/dachau/karlsfeld-ort28903/neuer-karlsfeld-weiterhin-teuerste-kommune-fuer-mieter-13262005.html