Tod dem Tyrannen – Über den Haile Selassie Kult im Reggae
Wer sich mit Reggae beschäftigt, wird sich bei näherer Betrachtung mit diversen Widersprüchen konfrontiert sehen. Vom vermeintlichen „One Love“ ist bei vielen, streng nach dem Kodex der Rastafari lebenden, schnell nichts mehr so vorzufinden wie es am Anfang schien. Der absolute Gipfel ist dann die weit verbreitete Homophobie, welche in vertonten Mordphantasien Ausdruck findet. Auf den „spirituellen“ Begründer der Rastafari, Haile Selassie I., letzter König von Äthiopien, bezieht sich selten Kritik. Wer ist der alte Mann, der uns auf Fahnen und Bildern begegnet, dem so frenetisch gehuldigt wird?
Selassie wird am 23. Juli 1896 als Tafari Makonnen geboren. Bereits mit 14 Jahren wird er Gouverneur. Der Fürst („Ras“) Tafari gelangt schließlich durch Intrigen, einen Putsch und den mysteriösen Tod der vorübergehenden Herrscherin auf den Thron. Am 2. November lässt Tafari sich zum „Negusa Nagst“ ausrufen, zum König der Könige. Er nennt sich fortan Haile Selassie, Löwe von Juda, Erwählter Gottes. Er verstand sich als 225. Nachkomme König Salomons. Für die spätere Rastafari-Kultur verkörperte er eine Art Messias, der die versklavten Schwarzen zurück ins gelobte Land führen sollte.
Der vermeintliche Erlöser hat aber so gar nichts heiliges. Er war ein ganz gewöhnlicher weltlicher Despot. „Das Volk muss erzogen werden. Es weiß nicht was es braucht. Der König weiß es.“, verkündete er einst. Vor allem wusste Selassie, was er als alleiniger Herrscher braucht. 90% des Bodens gehören ihm, dem Adel oder der Kirche. Die Bauern müssen ein Drittel der Ernte als Steuern abtreten. Parteien und andere politische Vereinigungen sind verboten. Im so genannten Parlament sitzen die Günstlinge des Kaisers. Die Menschen müssen vor ihm niederknien, wenn sie ihm begegnen. Gerade 5% der Bevölkerung können lesen, jedes zweite äthiopische Kind stirbt vor dem Erlangen des fünften Lebensjahres. Selassie ist Kaiser, Armeechef, oberster Kirchenführer, höchster Richter.
Nach außen gibt er sich als Staatsmann, auf gleicher Augenhöhe mit anderen Herrschenden. Nach einer italienischen Besetzung Äthiopiens 1935 bis 1941 lässt er das Land modernisieren. Es werden Strom- und Telefonleitungen verlegt, Universitäten gegründet und die Sklaverei offiziell abgeschafft. Letzteres ist allerdings angesichts der bereits geschilderten Umstände eine Farce. Während die Bevölkerung weiter verarmt und den Boden mit nahezu bloßen Händen beackern muss, lebt der Herrscher im Prunk. Auch das Militär ist mit einer Stärke von 50 000 Soldaten eines der stärksten in Afrika. Das benötigt Selassie auch, um im benachbarten Eritrea eine Befreiungsbewegung niederzuschlagen. 1962 lässt er Eritrea zur äthiopischen Provinz und die Bevölkerung zu Menschen zweiter Klasse erklären. Missliebige Personen werden in Malaria-Provinzen „versetzt“.
Selassie gilt als intelligent, charmant und scharfsinnig. Vor allem aber unnachgiebig. Die Anführer_innen eines Putschversuches von 1960 werden öffentlich in der Hauptstadt Addis Abeba gehängt und tagelang dort hängen gelassen. Aber der Riss in der Bevölkerung ist nicht mehr zu kitten. Dies wird durch eine sich anbahnende Hungerkatastrophe noch weiter beschleunigt. Anfang der Siebziger kommt eine oppositionelle Bewegung in Fahrt. 1974 meutern Soldaten, Gewerkschaften rufen einen Generalstreik aus, Lehrer_innen demonstrieren für mehr Lohn. Sogar 200 000 Priester drohen mit „Streik“. Student_innen kleben Plakate mit Bildern von Hungernden, stürmen das Hotel eines Großgrundbesitzers. Selassie verspricht Reformen. Doch auch in seinem nächsten Umfeld wird am Thron gesägt. Ein Konglomerat aus 120 Offizieren mit dem Namen „Derg“ (Schatten) beginnt mit einer stetigen Demontage. Unter dem Vorwand, im Namen des Kaisers zu handeln, bringen sie im Laufe des Jahres den größten Teil des Staatsapparats in ihre Gewalt. Selassie selbst vermag sich 82 jährig nicht mehr dagegen zu wehren. Am 11. September 1974 wird er abgesetzt. Die Männer des „Derg“ übernehmen die Macht. Anfangs noch unter der Parole „Äthiopien über alles!“ bekennen sich die neuen Herrschenden zum „real existierenden Sozialimus“, schaffen alle Adelstitel ab, lassen in der Folge Zehntausende ermorden. Am 27. August 1975 wird Selassie tot aufgefunden. Die Monarchie ist zu Ende. Die Diktatur und Hungerkatastrophe gehen in Äthiopien zehn Jahre weiter.
In der heutigen Reggae-Kultur, speziell ihrer westlicher Prägung, wird die Verehrung eines Tyrannen völlig unhinterfragt übernommen. Und dabei ist es völlig egal , ob man sich auf den „spirituellen“ Hintergrund bezieht oder den „König der Könige“ popkulturell verbrämt. Dieser Mann war ein Despot, ein Herrscher, der sich größenwahnsinnig als gottgleich darstellte. Es gibt nichts, auch nicht im Ansatz positives, das wir in seinem Leben erkennen können. Statt vergeistigt Frieden und Liebe einzufordern und selbstzufrieden „Fair trade“ Produkte zu konsumieren, sollte sich zum Umgang mit Haile Selassie mal ernsthaft Gedanken gemacht werden. Wer sich den Anspruch gibt für egalitäre Gesellschaftsformen einzutreten, muss sich auch gefallen lassen eben diesen auf emanzipativen Gehalt abklopfen zu lassen. Und den finden wir hier überhaupt nicht.
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Daten basierend auf einem Themenschwerpunkt in GEO 02/2010