[autonomia dachau]

Vergessene Hausbesetzung in Röhrmoos/Landkreis Dachau

Von 1993 – 94 wurde das Bahnhaus am Röhrmooser Bahnhof von einer Gruppe Jugendlicher besetzt und über ein Jahr lang gehalten. Das Objekt konnte wohl größtenteils deshalb länger gehalten werden, da die Besetzung bewusst nicht sofort an die Öffentlichkeit getragen wurde (so genannte stille Besetzung). Das ist zwar nicht so spektakulär wie die großen Beispiele aus den groooßen Metropolen, aber es muss bedacht werden, dass auch Mitte der Neunziger in der Post-F.J.Strauß-Ära in Bayern weiterhin die 24 Stunden-Regel galt und bis heute gilt. Diese besagt, dass kein Gebäude länger als 24 Stunden besetzt sein darf, was ihre Räumung unter meist paramilitärischen Mitteln zur Folge hat.

Schaut man sich im Umkreis München nach Besetzungsversuchen um, wird’s schnell dürftig. Die Initiative Robin Haus versuchte 2003 ein Gebäude an der Donnersberger Brücke zu besetzen und nach der 24h-wegräumen-Regel mit einer Freiraum Tage-Kampagne vergeblich weiter dafür zu mobilisieren. Vor 3 Jahren besetzte eine kleine Gruppe Punks ein Haus in der Münchner Westendstraße (http://hausbesetzerinnensoli.blogsport.de/). Nachdem sie sich militant gegen die Räumung zur Wehr setzten, hocken die Aktivist_innen immer noch im Jugendknast. Aktuell ist mit dem Wagenplatz Stattpark Olga an der Dachauer Str./Schwere Reiter Str., ein Projekt mit Kreativität, Durchhaltevermögen und etwas Glück, in München wieder ein Grund zur Hoffnung vorhanden.

In Dachau gibt es eigentlich nichts, was es wert wäre, an dieser Stelle erwähnt zu werden, natürlich mit Ausnahme des selbstverwalteten Freiraum-Dachau, allerdings wurde dieser nicht mittels einer Besetzung durchgesetzt, auch wenn dies zeitweise in Erwägung gezogen wurde. Das Haus am Bahnhof in Röhrmoos ist dort fast niemandem mehr ein Begriff. Das soll sich hiermit ändern.

Ein Gespräch mit einem damals Beteiligten:

Kannst Du kurz etwas zur Vorgeschichte erzählen wie es dazu kam?

*Eine Gruppe Röhrmooser Jugendlicher, hat sich – teilweise inspiriert von den Hausbesetzer_innen der 80er und 90er Jahre, teilweise aus Mangel an Freizeitangeboten – Anfang der 90er entschlossen, die leerstehende Bahnmeisterei am Röhrmooser Bahnhof als Ort für selbstbestimmte Freizeitgestaltung zu nutzen. Natürlich waren weder Bahn noch Gemeinde sonderlich begeistert und immer häufiger bekamen wir Besuch von der Polizei. Ich stieß erst im Jahre 1994 dazu.*

In welcher Weise wurde das Haus genutzt (z.B. täglich)? Wurde nur abgehangen oder gab es auch Veranstaltungen oder gar andere Initiativen?

*Es war eine wenig politische Angelegenheit, es ging im wesentlichen um selbstbestimmte Freizeitgestaltung. Eine S-Bahn-Station weiter war das Ballroom. Ein Lokal mit Konzertsaal, die sich zu einer zentralen Location der Region für Alternative Events entwickelt hatte. Zu Konzerten und Parties der Schwarzen Szene reisten die Leute teilweise bis aus Hamburg und Hannover an. Und das war kein Einzelfall. Vor allem aber ging dort der Punk ab. Viele Konzertbesucher_innen von außerhalb schliefen nach dem Konzert im Haus, wenn keine S-Bahn mehr fuhr*

Welchen subkulturellen und politischen Background hatten die Besetzer_innen?

*Obwohl man es vielen nicht ansah, zählten sich die meisten zur Punk-Szene oder deren Ausläufern. Aber man war tolerant, auch ein Raver, ein Hiphopper und ein Metaller aus dem Hinterland gehörten dazu. Es gab wohl vereinzelt Kontakte zur Antifa und zur PDS in München, aber politisch aktiv werden wollten die meisten nicht. Aber Interesse und Grundhaltung der meisten konnte man schon als politisch eindeutig links bezeichnen. Wir waren geprägt vom Ende der DDR, Hafenstraße, Mainzer Straße, Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen und natürlich den Chaostagen von Hannover.*

Wie wurde von offizieller Seite, also der Gemeinde Röhrmoos, auf das Projekt reagiert? Gab es Schikanen, Räumungsandrohungen bzw. -versuche?

*Ständig. Es gab immer wieder Drohungen seitens der Gemeinde, sinnlose Gespräche. Im Zuge der Trassenerweiterung für den ICE war das Schicksal des Gebäudes ohnehin besiegelt. Die Angebote der Gemeinde waren nicht attraktiv für die meisten Röhrmooser Jugendlichen. Und für die Nicht-Röhrmooser_innen erst recht nicht.

Hat das Haus auch andere Jugendliche angesprochen?

*Ja. Wie gesagt knüpften wir Kontakte zu Punks von außerhalb und hatten immer wieder Besucher_innen aus allen Teilen des Landes und ein großer Teil der Stammclique war aus der Kreisstadt oder anderen Gemeinden. Einige sogar aus München. Leider zog es auch weniger sympathische Zeitgenoss_innen an. Leute mit harten Drogen, Randalierer_innen, Gewalttäter_innen…*

Gab es Probleme mit Faschos?

*Das Haus war mehrmals Ziel von Angriffen durch Rechtsextreme. Einmal gerieten eine Horde von 30 Nazi-Schweinen an eine unserer Geburtstagsparties. Wir waren 20, die Hälfte davon Mädchen. Im Laufe des Abends eskalierte die Situation. Einer der Nazis schoss mir dabei mit der Gaspistole ins Gesicht. *

Warum ist das ganze dann zu ende gegangen, bzw. hätte der Abriss verhindert werden können?

*Vandalismus und verantwortungsloses Verhalten der Jugendlichen hatten zwischenzeitlich dazu beigetragen, dass das Haus immer mehr verfiel. Es war unorganisiert und wild und die meisten verweigerten sich der Verantwortung, die aus dem Betrieb eines solchen Hauses ergibt. Wir hatten auch keinerlei ausgeprägten theoretischen Background, sondern machten einfach was wir wollten, so ergab es sich, dass es keine “letzte Schlacht” um das Haus gab. Es gab einige Monate zuvor lediglich einen Angriff auf einen Zug voller neuer BMWs, die sich auf der Fahrt nach Ingolstadt befand und ca. DM 20.000.- Sachschaden verursachte. Der Güterzug wurde vom Haus aus mit Steinen und Dachziegeln beworfen. Der komplette Zug musste zurück nach München, repariert und neu lackiert werden. Leider wurden einige der angeblich Beteiligten verurteilt.*