[autonomia dachau]

Zum Verhältnis Metropolen und Provinz

An dieser Stelle dokumentieren wir ein Diskussionspapier aus dem Jahr 1991 „Zum Verhältnis Metropolen & Provinz“. Es sollte damals Anreiz für eine breitere Debatte in der autonomen Linken geben, da diesbezüglich gravierende Unterschiede zu Tage traten. Leider ist die erwünschte Debatte nicht zustande gekommen. Im Bezug auf heute können wir das nur mehr als bedauern, da die damaligen Probleme weiter bestehen und die gestellten Fragen unbeantwortet blieben. Der Beitrag hat seine Gültigkeit somit keineswegs eingebüßt und sollte dazu dienen, dass sich alle mal an die eigene Nase fassen, Städterer wie Landeier, und die enthaltenen konstruktiven Vorschläge zu Herzen nehmen.

Zum Verhältnis Metropolen und Provinz

Ursprünglich wollten wir bei diesem Papier versuchen, auch Erfahrungen etc. aus anderen Provinzstädten mit einzubeziehen. Das hat aber leider nicht geklappt. Nun sind die Erfahrungen aus einer Provinzstadt drin, aber das Ganze soll ja auch erst ein Anfang der Diskussion sein. Unsere Erfahrungen beruhen auf einem nun 6-jährigen Versuch, in der Provinz autonome Politik zu machen und auf einem ca. 2-jährigen Versuch, autonome Antifa-Politik zu machen.

Das Papier soll eine Auseinandersetzung anregen, es soll dazu Kritik kommen….

Wir halten es für wichtig, dass die Auseinandersetzung aber nicht gegeneinander, Metropole gegen Provinz oder umgekehrt, läuft, sondern dass versucht wird aus den positiven Erfahrungen, die es sowohl in den Großstädten als auch auf dem Land gibt, zu lernen und über Fehler ohne Borniertheit zu diskutieren. Leider gibt es zu dem Versuch autonome Antifa-Arbeit in der Provinz zu machen kaum schriftliche Erfahrungen, deshalb wird auch ein des Papers anhand von Beispielen die Situation auf dem Land deutlich machen. Wir empfehlen Euch dazu auch nochmal den Artikel zu lesen.

Dass es so wenig schriftliches gibt, dass z.B. der eben erwähnte Artikel unbeantwortet bzw. ohne schriftliche Kritik geblieben ist, macht eigentlich deutlich wie sehr sich auf die Politik in den Großstädten konzentriert und orientiert wird. Das geht teilweise ja sogar soweit, dass was mensch über die Metropolen liest und erfährt bis ins unerträgliche Maß mystifiziert.

Neben verschiedenen Unterschieden zwischen Metropolen und Provinz, auf die anschließend eingegangen werden soll, ist eben eine entscheidende Tatsache, egal wie qualitativ und quantitativ Antifa-Arbeit gemacht wird, dass gerade auf dem Land, von dem eh schon sehr geringen vorhandenen Potential, ein großer Teil der Leute immer wieder abwandert in die Großstädte wie z.B. Berlin oder Hamburg, um dort zu studieren oder auch nur um dieses , nicht so allein zu sein, endlich auch zu erleben. Für die Leute, die in der Provinz bleiben, ist es eine immer wieder schmerzliche Erfahrung, wieder mit einem ganz kleinen Zusammenhang da zu sitzen und mensch überlegt nicht selten frustriert:

Der häufige Wechsel, dass Genoss_innen abwandern und mit viel Glück vielleicht neue Leute dazu kommen, führt dazu, dass alles immer wieder von vorne anfängt. Natürlich laufen offene Plena, Arbeitskreise zu bestimmten Themen, Veranstaltungen und Demos ab. Aber alles relativ unverbindlich und es bedarf eines ganz schönen Stücks Arbeit, um wieder mal soweit zu kommen, dass eine kontinuierliche, konstruktive Diskussion und auch Praxis zusammen laufen kann. Ein weiterer Fakt, der die Großstadt von der Provinz unterscheidet, ist die Anonymität bzw. die Nicht-Anonymität. In der Kleinstadt . Das hat zum einen den Vorteil, dass es schwer ist Spitzel in Zusammenhänge rein zu setzen, denn jede_r weiß, was die anderen machen, wie sie wohnen usw….zum anderen hat dies natürlich den Nachteil, dass unsere Genoss_innen bei Bullen und Faschos auch ganz schnell bekannt sind. Besonders bei Sachen, die strafrechtlich relevant sind, werden die Leute leicht eingegrenzt. Kämen in einer Großstadt vielleicht 200 in Frage, die´s gewesen sein könnten, so sind´s in der Provinz vielleicht 10 oder 20. Das erschwert ein militantes Vorgehen unheimlich. (….) Die Überschaubarkeit der Kleinstadt trägt dazu bei, dass Du immer das Gefühl hast, die Bullen kriegen alles mit. Das drückt natürlich die Stimmung und führt oft dazu, dass Du nicht machst, was Du willst. Es wirkt teilweise lähmend.

Allerdings ist es in den meisten Kleinstädten, auf Grund der Nicht-Anonymität besser möglich, eine Politik zu machen, die sich an den Realitäten orientiert, die auch für Unbedarfte nachvollziehbar und verständlich ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir z.B. beim Flugi verteilen einer Diskussion mit irgendwelchen Leuten gar nicht ausweichen können, und so immer wieder gezwungen wurden unsere Politik zu reflektieren. Im Gegensatz dazu steht die Großstadt. Dort besteht die Möglichkeit sich nur in der scene zu bewegen und von allem anderen nichts oder nur ganz wenig mit zu kriegen. Sowas fördert dann z.B. eine völlig abgehobene Politik oder totale Fehleinschätzungen der momentanen Situation. Andererseits besteht in der Provinz durch den engen und persönlichen Kontakt zu vielen Leuten außerhalb unserer scene die Gefahr eine opportunistische Politik zu machen. Es wird häufig gesagt, dass Inhalte wie z.B. militant gegen Faschos vorzugehen, nicht vermittelbar wären und erstmal angefangen werden müsste. Das führt dann dazu, dass Genoss_innen z.B mit Faschos reden, anstatt sich was anderes zu überlegen. In den Großstädten gibt’s viele Menschen, die zwar zu Antifa Aktionen kommen, aber überhaupt nicht in Zusammenhänge eingebunden sind. Nicht selten besteht überhaupt kein Kontakt zwischen organisierten Antifas und diesen anderen Leuten. Das hat zur Folge, dass dann bei Auseinandersetzungen mit Faschos oder Bullen die Leute sich falsch verhalten. Bei Festnahmen fällt das besonders auf, indem dann z.B. Aussagen gemacht werden. Auch bei strafrechtlichen Konsequenzen kommts immer wieder vor, dass individuell vorgegangen wird und z.B. Strafbefehle ohne Überlegung gezahlt werden. In der Provinz kann über das alles diskutiert werden. es lässt sich z.B. ganz schnell eine Aussageverweigerungs-Kampagne durchziehen, weil Du einfach zu den Leuten hingehst. Bei uns gab es z.B. schon öfter Zeugenvorladungen bei Bullen oder Staatsanwaltschaft und immer konnten wir mit allen Betroffenen vorher darüber reden und die Vorladungen blieben folgenlos. Auch bei Aktionen gelang es oft, wichtige Sachen vorher mit den Leuten, die kamen, noch abzuchecken.

In Kleinstädten gibt es häufig keine eigenen Räume oder Räume, die für uns selbst bestimmt nutzbar wären. Das hängt damit zusammen, dass es wenig Leute und Gruppen gibt. Auch fehlt oft ein finanzkräftiges Umfeld, was solche selbst bestimmten Räume unterstützen würde. So ist z.B. bei uns die Idee von einem Zentrum von vielen Leuten ganz toll gefunden worden. Aber es stellte sich auch schnell raus, dass wir kräftemässig etc. nicht in der Lage wären dies zu erkämpfen bzw. einfach zu besetzen, und dass wir auch nicht genug Kohle hatten, was zu mieten. In der Provinz musst Du deshalb schon froh sein, wenn Du überhaupt irgendwo die Möglichkeit hast Dich zu treffen. Das sind dann meistens Kompromisslösungen. Genauso schwierig ist es für Antifa-Zusammenhänge eine Postadresse zu finden, die nicht privat ist. Dies alles führt dazu, dass wir in der Provinz oft wesentlich schlechter informiert sind und Infos, Zeitungen etc. nirgendwo für Interessierte auslegen können. Ganz zu schweigen von den anderen positiven Auswirkungen, die selbst bestimmte Räume haben.

Ein ganz entscheidender Unterschied zwischen Metropolen und Provinz ist, dass in Kleinstädten die Widersprüche nicht so krass auftauchen und viel verdeckter und verschleierter sind als in Großstädten. In Großstädten herrscht z.B. ein anderes Bullenbild wie in Kleinstädten. In Berlin, Frankfurt kann mensch häufig knüppelnde Bullen sehen und erfahren. Es gibt dort immer wieder Erfahrungen mit Bullen, die selbst bei bürgerlichen Leuten Empörung hervor rufen. Sowas gibt es in der Provinz nur selten. Dafür gibt’s aber viele Bullen, die die Leute als Nachbarn mit 2 Kindern und Hund kennen. Der winkt Dich, wenn Du besoffen bist, bei einer Alkkontrolle durch, weil Du nebenan wohnst. Durch solche Sachen hält sich ein schiefes Bullenbild ganz gut. Das hat Auswirkungen bis in unsere eigenen Reihen hinein und äußert sich dann beispielsweise so, dass Genoss_innen mit Bullen darüber labern, warum sie dies oder jenes gemacht haben.

Dieses aus Feinden-Freunde-machen finden wir in der Provinz häufiger als in der Großstadt, so z.B. wenn Antifas mit Faschos reden, weil sie sich aus der Schule oder dem Sandkasten kennen oder weil auch sie Nachbarn sind.

In Provinzstädten stellt es sich häufig so dar, als ob eine örtliche Antifa-Arbeit einer landesweiten oder gar bundesweiten entgegen zu stellen wäre. Es kommt dann schon vor, dass Genoss_innen entweder nur am Ort was machen und bundesweit etc. gar nichts machen oder umgekehrt, dass nur bundesweit was gemacht wird und am Ort nichts. Beides ist nicht richtig, sondern es ist wichtig beides zu machen. Denn bundesweite inhaltliche Diskussionen, Erfahrungen etc. können die Arbeit vor Ort voranbringen. Genauso ist es für die bundesweite Auseinandersetzung wichtig, die Erfahrungen etc. vor Ort mit einzubeziehen.

Natürlich ist es oft auf Grund der wenigen Leute in der Provinz nicht immer leicht Leute zu finden, die auf Treffen etc. fahren. Aber wenn den Zusammenhängen eine bundesweite Diskussion wichtig ist, dann können auch Lösungen gefunden werden.

Vielfach herrscht in den Provinz die Meinung vor, dass wir alleine nicht in der Lage sind uns als politische Kraft darzustellen, dass es notwendig ist, Bündnisse einzugehen, und dass wir immer Abstriche machen müssen, wenn wir andere nicht verprellen wollen.

Sicherlich sind in der Regel in der Provinz die Kräfteverhältnisse anders gelagert als in der Metropole und deshalb ist in Großstädten auch was wesentlich einfacher durchzusetzen oder zu erkämpfen. Aber das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass wir die Maßstäbe der Großstädte nicht direkt auf die Provinz übertragen können. Das heißt aber nicht, dass wir immer ein Bündnis brauchen und ansonsten nichts auf die Reihe kriegen. Es gibt genügend entschlossene oder phantasievolle Aktionsmöglichkeiten, die nicht reformistisch sind. Hier ein Beispiel, was verdeutlichen soll, welche Möglichkeiten es gibt: In Rosenheim sollte ein NPD Kreisverband gegründet werden. Für uns stand an dies zu verhindern, aber wie? Wir hätten ein Bündnis-Treffen machen können, da hätten wir uns bestimmt mal wieder total über die Reformist_innen geärgert. Also machten wir unser eigenes Vorbereitungstreffen, überlegten uns unsere Kräfte und welche realistischen Möglichkeiten es gibt, dies zu verhindern. Mit einem klaren Konzept mobilisierten wir dann hin, es kamen auch viele Leute und es gelang uns durch eine Art lautstarke Belagerung dieses Faschso-Treffen zu verhindern. Wir haben also die praktische Initiative ergriffen, ein Konzept entwickelt und die Reformist_innen konnten sich entscheiden mit zu machen oder nicht.

Wir meinen, dass eine eigenständige, autonome Antifa-Politik auch in der Provinz sehr wohl möglich ist. Das hängt eigentlich nur davon ab, wie wir selbst drauf sind. Wenn wir nur jammern, wie wenig wir in der Provinz sind, werden wir nicht viel auf die Reihe kriegen. Wenn wir dagegen kämpferisch und entschlossen sind, können wir z.B. auch eine gute Demo machen, können viele Leute mitreißen. Eine lautstarke Demo in der Provinz, an der 50 Leute teilnehmen, stellt schon eine Kraft dar, die nicht zu überhören und zu übersehen ist.

Wir meinen, dass sich die Bündnisfrage in der Provinz nicht anders stellt wie in der Großstadt. Zu aller erst müssen wir uns klar werden, was wollen wir, wie ist das Kräfteverhältniss, können wir ohne Bündnis auch was erreichen? Dies muss von Fall zu Fall konkret diskutiert werden. Wenn uns das klar ist, dann können wir auch mit einem Bündnis umgehen, können wir auch ein Bündnis verlassen und müssen keine Politik machen, die ein Bündnis über alles stellt.

Wir hoffen, dass jetzt die Situation in der Provinz vor allem für Genoss_innen aus den Großstädten ein bisschen klarer geworden ist. Unsere Ausführungen haben keinen Absolutheitsanspruch. Wir schließen auch nicht aus, dass in einigen Provinzstädten die Situation vielleicht ganz anders ist. Das wird sich aber wohl in der Diskussion raus stellen. Wir wollen jetzt versuchen ein paar konkrete Punkte heraus zu arbeiten, wie wir uns das Verhältnis zwischen Metropolen und Provinz vorstellen könnten.

Wir meinen, dass eine konkrete autonome Antifa-Politik, die in Großstädten gemacht wird, nicht so ohne weiteres auf Provinzstädte übertragbar ist. Es wäre falsch, wenn wir in der Provinz einfach schauen, was machen die in der Großstadt und dann machen wir das auch. Wir in der Provinz müssen uns schon selbst einen Kopf machen. Genauso wenig ist natürlich die Politik, die in der Provinz läuft, auf die Großstadt übertragbar. Unterschiedliche Städte und Orte haben einfach unterschiedliche Bedingungen und aus diesen unterschiedlichen Bedingungen heraus muss eine konkrete Politik entwickelt werden. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass Grundprinzipien einer autonomen Antifa-Politik verwässert werden, dass wir z.B. in der Provinz unsere Widerstandsformen, unsere Utopien, unsere Perspektive und unsere Inhalte gar nicht benennen. In der Provinz ist das, was für uns Antifa bedeutet, sicherlich oft schwerer vermittelbar als in der Großstadt. Aber auch auf dem Land kann und muss eine Politik gemacht werden, die nicht reformistisch ist. Das bedeutet dann in der Praxis auch, antifaschistische Selbsthilfe aufzubauen anstatt bei einem Faschoübergriff die Bullen zu rufen, oder mit Faschos nicht zu diskutieren. Wir sind der Auffassung, dass es wichtig ist, weder Metropolen- noch Provinzborniert an diese Diskussionen heranzugehen. Die Auseinandersetzung sollte solidarisch geführt werden, mit dem Ziel gegenseitig voneinander zu lernen und gemachte Erfahrungen gemeinsam aufzuarbeiten. In den Metropolen handeln Antifas oft entschiedener und militanter, davon können wir in der Provinz vielleicht was lernen. In der Provinz wird häufig mit anderen Leuten diskutiert, gibt’s vielleicht mehr Kontakte nach außen, davon können manche Großstädte vielleicht was lernen.

Wir halten Strukturen für wichtig, die es ermöglichen Erfahrungen von Metropolen und Provinz gemeinsam aufzuarbeiten, die es ermöglichen Fehler zu erkennen, die es ermöglichen eine gemeinsame inhaltliche Diskussion zu führen. (….) Darüber hinaus fänden wir es positiv, wenn sich mal die Antifas aus Provinzstädten treffen würden, um die Situation in der Provinz noch genauer zu analysieren und zu reflektieren. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre es, wenn es viel Resonanz, gerade aus Provinzstädten, auf dieses Papier geben würde.

einige autonome antifas aus rosenheim